Freitag, 14. September 2018

Ich habe noch immer keinen Bock über Faschismus zu schreiben (Dland 2018)


Einen der wunderbarsten Dichter und genialen Mahnerns für Freiheit in Dland lässt ein Lied seines Lebens nicht los. Konstantin Wecker wird immer wieder den "Willy" singen.
So geht es mir mit meinem Gedicht "Ich habe keinen Bock über Faschismus zu schreiben".
Leider gibt es eine neue Fassung, im Blog wie immer in der Urform, unbearbeitet, spontan.
Eigentlich wollte ich n ganz anderen Text posten...



Ich habe noch immer keinen Bock über Faschismus zu schreiben
(Dland 2018)



Vor ungefähr 25 Jahren
habe ich eines meiner besten
& mit Sicherheit mein wichtigstes Gedicht geschrieben
Damals schrieb ich
„Ich habe keinen Bock über Faschismus zu schreiben“

Im letzten Vierteljahrhundert musste ich es immer wieder rausholen
& hatte da keinen Bock drauf
aber es war immer wieder nötig
& da meine Zuhörerzahl stieg & das Umfeld sich veränderte
trug ich es immer wieder vor

Ich habe seit über 25 Jahren keinen Bock über Faschismus zu schreiben
& erlebe ihn seit dieser Zeit immer wieder in Dland
& jetzt werden die Zeiten noch härter
& dieser Scheiß ist nicht nur
nicht vorbei
sondern eine immer größere Gefahr
& Realität

Ich würde gerne über meine wunderbare Frau
& unsere zwei tollen Hunde schreiben
Ich würde gerne über das wunderschöne Westmünsterland schreiben
& das Müllproblem, das Zwischenlager in Ahaus &
die Maismonokulturen ignorieren
Ich liebe heile Welt
& würde gerne da drüber schreiben

Liebe, Rock’n’Roll, Passion, Schönheiten
Aber da ist zum Beispiel der Hambacher Forst
ein wunderschöner, uralter Wald
in der Nähe von Köln
Mittlerweile ist er nur noch sehr klein
- Braunkohle – da hat ihn RWE einfach zerstört
& der letzte Rest des Waldes wird von einigen Umweltschützern beschützt
aber die haben keine Chance gegen über 4000 Polizisten
& werden aus den Bäumen geprügelt

Tage zuvor gab es in Chemnitz nicht genug Polizei
um Nazis daran zu hindern
grölend andere Menschen zu jagen
ein jüdisches Restaurant zu überfallen
und mit dem Hitlergruß durch die Stadt zu marschieren

Und der Chef des Verfassungsschutzes in diesem Land
erblödete sich
diese Vorgänge zu relativieren
(ganz zu schweigen,
von all seinen anderen Skandalen und Mauscheleien mit Nazis)
& der Innenminister dieses Landes
schlug in die gleiche Kerbe
& wir leben in einem RechtSstaat
spätestens jetzt dürfte das klar sein
& dies löst viel zu wenig Empörung aus

Ich habe keinen Bock über Faschismus zu schreiben
& es sind nicht mehr nur die Stammtische
(die Kneipenkultur ist platt)
aber es sind die sozialen Medien
& die Kommentare zu bestimmten Meldungen
& die Stimmung in diesem Land
&
Ich habe Ängste
& ich fröstele
& ich sehe wenig Hoffnung
&
Ach Fuck:
Es wird nicht besser
es wird noch viel härter werden!

Ich habe keinen Bock über Faschismus zu schreiben
NSU-Affäre?
Ich bin sprachlos
anhand der ganzen Vertuschungen & Pannen
& der Beteiligung des Verfassungsschutzes
& eigentlich neige ich nicht zu Verschwörungstheorien
aber in diesem Fall…  

Faschismus?
Nein
Dieser Staat ist irgendwo immer noch demokratisch
& es gibt noch Freiheiten
Aber es gibt auch immer härtere Polizeigesetze
die diese Freiheiten einschränken

Noch sind wir vielleicht „mehr“
aber wir sind machtlos & zerstritten &
die AfD lacht sich platt
& hat mit Seehofer & Maaßen mächtige Zulieferer
& die Freiheitsbeschneidungen am Rande des Grundgesetzes
werden bei all dem Theater
kaum noch wahrgenommen
Und ich bemerke plötzlich
wie sehr ich dieses Grundgesetz
& den Gedanken der Demokratie in Dland liebe
Ist so, oder?

Ich habe verdammt nochmal immer noch & immer wieder keinen Bock
über Faschismus zu schreiben
Ich würde gerne eine Liebesgeschichte schreiben
Heute war ein wunderschöner Spätsommer- oder Frühherbsttag
Die Spaziergänge mit unseren Hunden waren traumhaft schön
Der Himmel über uns ein Gemälde
& später habe ich in meinem Arbeitszimmer wahrhaftig wieder Musik genossen
Darüber würde ich gerne schreiben

Ich habe mehrere Prosaprojekte
& viele Gedichte im Schädel
& werde nächstes Jahr irgendwie ein neues Buch veröffentlichen
Meine Krankheiten & die Krankheiten meiner FreundInnen
lassen mich dabei nicht los
& werden auftauchen
Da habe ich auch keinen Bock drauf
aber das gehört zum Leben
ist also irgendwie okay
Faschismus sollte nicht zum Leben gehören
höchstens als Mahnung aus unserer düsteren Geschichte
Aber jetzt ist er wieder aktuell neben uns
& das kotzt mich an

Ich habe keinen Bock über Faschismus zu schreiben
Ich habe keinen Bock über Neoliberalismus & Populismus
& Demokratieverlust & Zukunftsängste zu schreiben
Ich würde gerne positive Utopien entwickeln
Sorry
Klappt momentan nicht

Regenbogen
Seifenblasen
Bäume erklettern
in Pfützen springen
Häute spüren
Feuchtigkeiten austauschen
In Augen schauen
Fühlen
erLeben
All das
würde ich gerne in Poesie formen

Stattdessen habe ich Angst
& Wut
& sehe wenig Hoffnung

All das ist nicht neu
Neu ist nur meine Hoffnungslosigkeit & Lethargie
& das macht mir Angst
& vielleicht ist da dieser Text n Therapiebeginn
durch den ich – und ihr – dann halt durchmüsst

Ich habe keinen Bock über Faschisten zu schreiben
Ich würde sie gerne mit Liebe überschütten
oder einfach lächerlich machen
Ignorieren wäre auch nicht schlecht
geht aber nicht mehr

Ich würde gerne über die vielen wunderbaren Menschen schreiben
die ich kennenlernen durfte
& natürlich über meine Frau & unsere Liebe
Sorry, ich bin da momentan blockiert

Ich habe keinen Bock über Rassismus, Faschismus,
Menschenfressermenschen & ihre Gehilfen
& die Macht des Kapitals
zu schreiben

Unmenschlichkeit kotzt mich an
&
ich will menscheln
& zwar voll & ganz

Wird das irgendwann in meinem Leben noch gehen?


Donnerstag, 23. August 2018

Im Sommerloch: Über Menschen,meine vierte Zahnung, Menschenfressermenschen und Vampire


Das Problem bei zwischenmenschlichen Beziehungen und Kontakten:
Es passiert zwischen Menschen.
…
Das lass ich jetzt mal so stehen.


Ich liebe diesen Sommer, auch wenn er mich so langsam in eine permanente Antriebslosigkeit, die sich beinahe in eine Depression auswächst, treibt.
Ich sitze im Garten und lese so viel, wie lange nicht mehr.
Meistens auf meinem eBook-Reader. Und doch: Dafür taugt so ein Teil, auch wenn ich ansonsten die gedruckte Form vorziehe, aber im Gartenstuhl das Ding auf den Beinen und einfach nur weiterwischen, das hat was.


Musik höre ich fast nur noch beim Autofahren.
Das Plätschern des Brunnens, das Gurren der Tauben und unser Rüpelrüde, der bellend die Tauben verjagt, das hat was.
Im Sommer (speziell in diesem Jahr) erscheint eh nicht viel Bemerkenswertes…


Menschen?
Hier leben wir zurückgezogen.
Zwei, drei Gespräche mit Nachbarn, die Telefonate meiner Frau (ich habe es wegen meiner Artikulationsprobleme ja nicht so mit dem Telefon), viel zu selten Besuch von FreundInnen (wir wohnen am Arsch der Welt) und wegen der dementen Schwiegermutter und den zwei Hunden, die wir fast immer mitnehmen müssten, auch viel zu wenig Besuche bei FreundInnen.
So schaut es aus.
Manchmal vermisse ich da etwas. Eben meine FreundInnen.
Aber meistens ist es okay.


Bei meiner vierten Zahnung kann ich jetzt ein erstes Fazit ziehen.
Ich sag mal so: Semierfolgreich.
Ich sabbere immer noch, manchmal glaube ich, sogar stärker als zuvor. Meine Artikulation hat sich noch nicht verbessert, vielleicht ist das auch eine Übungssache. Immerhin: Ich esse wieder feste Nahrung. Und habe den Passierstab verbannt. Auch wenn ich mich oft verschlucke und extreme Probleme beim Schlucken habe, es läuft.

Ich hatte zweieinhalb Jahre keine Zähne, da ist es normal, dass die Eingewöhnungsphase sich hinzieht.
Bei mir ist es aber auch genauso normal, dass ich keine Geduld habe und mich diese Übergangsphase extrem frustet.

Die Krankenkasse lässt sich Zeit mit der Kostenübernahme und das nervt.


Es gibt Menschenfressermenschen (Politiker, Machthaber, Wirtschaftsbosse und so weiter), die ich hasse.
Und es gibt Menschenfressermenschenhelfer, die ich verachte.


Es gibt auch Vampire.
In mancherlei Hinsicht sind die viel gefährlicher.
Ich meine solche Menschen, die dir deine Energie aussaugen und deine Aufmerksamkeit fordern und immer dramatische Geschichten über ihr jetziges Dasein hinausschreien, nur um Anteilnahme zu erlangen.
Ich scheine Vampire anzuziehen.
Die behaupten dann immer, ich wäre ihr bester Freund und ich würde sie verstehen und ihnen helfen und so.
Und dann geben sie mir Ratschläge oder vermitteln angebliche Kontakte, um mir zu helfen, obwohl ich gar keine Hilfe will und es ihnen eh nur um ihr Ego geht.
Und wenn ich „Nein!“ sage, dann verstehen sie das frühestens beim xten Mal.
Ich habe schon viele Vampire erlebt.
Und ich habe schon viele Vampire überlebt, weil ich mich dann doch immer rechtzeitig von ihnen zurückgezogen habe.
Natürlich wurde ich dafür beschimpft und beleidigt. Egal.
Facebook ist n gutes Pflaster für Vampire. Ich lerne langsam, vorsichtiger mit „Freundschaften“ umzugehen.
Als Dichter nutze ich Facebook und verknüpfe mich mit vielen Menschen. Das brauche ich. Und manche Kontakte sind super. Manchmal entwickelt es sich auch zum Horror. Eben bei Vampiren.
Manche Vampire sind ja auch wirklich nette Menschen.
Aber ich will mich nicht aussaugen lassen.
Und dann kann ich eben auch zum Arschloch werden.
Und so überleben.
Soviel dazu.


Der zwischenmenschliche Kontakt ist deshalb so schwierig, weil er zwischen Menschen stattfindet.
Menschen können auch Arschlöcher sein.
Ich zum Beispiel.
Manchmal bin ich eins.
In meinen besten Momenten stehe ich dazu…









Sonntag, 12. August 2018

Sommersuizidgedanken oder so...


Die Maisernte beginnt und die Bauern werden wohl nicht begeistert sein.
Ich habe keine Ahnung von Mais, aber ich sehe, dass die Maisfelder nur ein Drittel so hoch sind, wie in den letzten Jahren. Und die Maiskolben sehen winzig und vertrocknet aus.
Aber ehrlich gesagt geht mir die Maisernte am Arsch vorbei.



Mit 160 km/h über die Autobahn.
Und dann dieser plötzliche Gedanke:
Jetzt die Augen zu machen, die Hände vom Lenkrad nehmen und „Hokahe“ schreien!
Das hätte doch was, oder?

Ich mache es nicht: Ich könnte Unbeteidigte in meinen Unfall hineinziehen und das wäre unfair, selbst, wenn sie es verdient hätten.
Außerdem braucht meine Frau das Auto noch. Und mich.
Meine Frau und die Hunde brauchen mich und das ist schön und deshalb mache ich weiter.

Trotzdem begleitet mich dieser Gedanke bei der Fahrt von Herford nach Ottenstein die ganze Zeit. 
Beides hat was Schönes, sowohl der Gedanke an den Spontansuizid,  als auch die Verweigerung des Auswegs.

Und dann eine Erkenntnis: Wieviele Verkehrsunfälle sind wohl Spontansuizide?
Ich glaube, nicht gerade wenige...


Mit 120 km/h über die Landstraßen im Münsterland. An den Straßenrändern immer wieder Kreuze und Grablichter.
Aber hier vor einem Baum zu fahren ist zu riskant. Die Überlebenschancen sind viel zu groß...



Wahnsinn, Krankheiten, Schmerzen und Tod.
Überall und immer.
Und die Einschläge treffen immer mehr nahe FreundInnen.

Scheinbar haben wir dieses Alter erreicht, wo das Verfallsdatum extrem nahe rückt.



In diesem heißen Sommer begegnen mir viele schöne Menschen. Sie interessieren mich immer weniger. 
Wenn, dann finde ich wahre Schönheit in den Gesprächen und in den Augen meiner FreundInnen. 
Die Kontakte werden immer seltener.

Ich bin nicht schön.
Ich bin alt und sichtbar behindert.
Und ich bin müde.
Aber da ist noch ne Glut und da kann durchaus noch ein Feuer entstehen.
Manchmal reicht ein Windstoß.



Aron, unser Rüpelrüde, verjagt die Tauben aus dem Garten. Er sollte lieber die Wespen verjagen, aber dagegen haben wir jetzt glimmendes Kaffeepulver entdeckt.

Dushka, unser Pflegehund, ist entspannt und angekommen. 
Sie hat mich auserkoren und folgt mir auf Schritt und Tritt.

Heute ist Tag der Schallplatte und ich sollte ihn feiern.
Aber ich sitze im Garten und genieße die Stille.
Die Schallplatten feiere und verehre ich dann wieder an Regentagen.



Ich bin müde.
Ich habe keine Ideen.

Die Maisernte wird beschissen und geht mir am Arsch vorbei.