Donnerstag, 28. August 2014

Ganz unten: Über Menschen auf der Straße und neue Gedanken von U.



Kein Mensch lebt aus freier Entscheidung auf der Straße.
Obdachlosigkeit hat viele unterschiedliche Ursachen, aber niemals ist es die freie Entscheidung für dieses harte und ungesunde Leben.
Auch wenn die Menschen auf der Straße etwas anderes behaupten, vielleicht aus Selbstschutz oder auch aus Feigheit:
Niemand will so leben.

Es macht keinen Spaß, sich Kippen aus den Stummeln im Aschenbecher zu drehen.
Es macht keinen Spaß, es schmeckt nicht, es ist irgendwie ekelhaft.

Für eine Flasche Bier musst du ungefähr zehn Flaschen Leergut sammeln, harte Maloche. Dosen oder Einwegflaschen machen es etwas leichter. Trotzdem.
Und die Flasche Bier oder härtere Sachen brauchst du einfach auf der Straße.
Nein: Das geht nicht ohne.

Betteln ist erniedrigend.
Macht definitiv keinen Spaß. Selbst wenn du gut darin bist (ich denke, gute Manieren und Stil können hilfreich sein, aber eigentlich ist es scheißegal) ist es einfach eine Schweinsmaloche.

Auf der Straße bist du auf andere Menschen angewiesen. Menschen, bei denen du deine paar Klamotten deponieren kannst. Menschen, bei denen du dich waschen kannst. Vielleicht auch mal aufwärmen. Oder einfach zur Ruhe kommen.
Diese Menschen werden im Laufe der Zeit immer weniger, bis du nur noch die anderen Menschen auf der Straße hast. Die dir nicht helfen können, weil sie sich ja selber nicht mehr helfen können.
Das ist traurig. Aber das ist so.

Die Straße ist ein hartes Pflaster. Bier und Kippen helfen da nur bedingt.
Nahrungsaufnahme ist eher Muss als Genuss. Und auch nicht leicht zu organisieren. Mangelerscheinungen bleiben da nicht aus.
Um es mit den Worten der Ministerien zu sagen:

LEBEN AUF DER STRASSE SCHADET IHRER GESUNDHEIT.
FANGEN SIE ERST GAR NICHT DAMIT AN!

Aber kein Mensch macht das freiwillig. Niemand hat es sich ausgesucht.

Hautkrankheiten, Bronchitis, Abhängigkeiten und Süchte, kaputte Zähne, all so ein Scheiß: die Orden und Narben der Straße.

Und die Füße.
Vernünftiges Schuhwerk oder halbwegs frische Socken sind unvorstellbarer Luxus.
Wir alle tragen unser Gewicht und unser Leben auf den Füßen.
Auf der Straße ist es schwer. Oft zu schwer. Und der Körper verfällt dann zusehend von den Füßen her. Die dann entweder amputiert werden oder einfach so verfaulen, bevor man an einer anderen Folgeerscheinung der Straße krepiert.

Die Straße macht dich asozial.
Du verinnerlichst das Schnorren und bist auch mal bereit, selbst von deinen Kumpels etwas abzugreifen oder einzustecken. Wenn es nur ein Bier ist. Das ist keine Böswilligkeit, sondern Automatismus.
Jegliche Suchterkrankung führt zu asozialem Verhalten. Und auf der Straße hast du Suchtprobleme. Sonst könntest du sie nicht überleben.

In Dland muss eigentlich kein Mensch auf der Straße leben.
Da würde unser Sozialsystem wahrhaftig greifen.
Und Hartz IV ist zwar scheiße, aber eigentlich besser, als die Straße.
Die Gründe, warum es trotzdem noch massig Berber und Obdachlose gibt, sind vielschichtig. Und oft auch mit persönlichen Geschichten verbunden.
Und ich werde den Teufel tun und jetzt kluge Sätze raushauen.
Ich denke, in jeder Gesellschaft gibt es Menschen, die an sich oder diesem Leben scheitern. Manche landen dann halt auf der Straße.

Die Menschen auf der Straße sind Menschen.
Und sollten schon alleine deshalb auch als solche behandelt werden.
Heroisierung ist Blödsinn, aber Überheblichkeit ihnen gegenüber ebenso.

Wurde mal Zeit, dass ich diese Gedanken mitteile…


Ähnliches und ganz anderes Thema:
U. hat endlich mal wieder seine Gedanken formuliert und mir zur Korrektur und Veröffentlichung überlassen.
Und hier nun sein Text:

„                 Meine Gefühle und mein Ich


Wieder sitze ich mal allein bei mir zu Hause am PC und habe Langeweile und bin traurig und frustriert, weil ich einfach nicht wirklich glücklich werden kann, da alle Frauen immer nur bei Männern darauf achten, wie sie äußerlich aussehen oder wieviel Geld sie haben.
Einige Frauen sagen zwar immer, innere Werte seien ihnen wichtiger, aber das ist alles nur dummes Gelaber von denen.
Ich habe nie darauf geachtet wie meine Partnerin aussieht, das war mir egal. Ich habe sie so akzeptiert, wie sie ist, mit all ihren Fehlern und Macken, denn niemand ist perfekt und ich bin´s erst recht nicht.
Ich bin gern Romantiker, liebe es meine Partnerin mal zu massieren, mit ihr zu kuscheln oder einfach mal den Sex mit ihr zu genießen (wenn es mal dazu kommt). Ich höre sehr oft Lieder wie z.B. „Wenn Liebe nur ein Wort ist“ von Devize.
Denke sehr oft auch einfach nur daran, mir das Leben zu nehmen, aber das ist leider schwerer als man glaubt.
Ich werde oft gefragt, wie es mir geht und ich sage immer, mir geht‘s gut oder super. Aber in Wirklichkeit geht es mir total scheiße, weil ich immer alleine bin.
Wenn ich meine Katze nicht hätte und die Pferde, um die ich mich jeden Tag kümmere, wäre die Wahrscheinlichkeit wohl noch höher, dass ich versuchen würde, mich wieder mal umzubringen, auch wenn es nichts bringt!!
Letztens erst hat mich eine junge Dame angesprochen und mich gefragt, was ich so beruflich mache. Als ich ihr sagte, dass ich mich um Pferde kümmere und es mir Spaß macht war sie schneller weg als sie da war, da sieht man, was den Frauen wichtig ist.
Klar: Ich habe auch meine Fehler. Dass ich einfach zu gutmütig bin zu liebevoll und immer für jeden ein offenes Ohr habe, wenn sie Probleme oder Sorgen haben, oder dass ich nie eine Frau schlagen würde, selbst wenn sie mich absichtlich schwer körperlich oder seelisch verletzt.
Auch ist meine wie ich denke größte Macke, die ich habe, dass, wenn ich mit jemanden zusammen bin, ich nicht gerade wenig Sex mit ihr haben möchte.
Aber ich bin eben so, wie ich bin.
 Zu gutmütig und zu treu um fremdzugehen.
Klar weiß ich auch, dass Sex zu haben nicht alles ist, was zählt im Leben. Aber gibt es etwas Schöneres, als sich seiner Partnerin vollkommen hinzugeben und ihr 100%ig zu vertrauen und sie zu lieben?!                         “

Tja.
Fuck.
Auch so kann das Leben sein.
Und ich wünsche U. alles Glück dieser Welt.
Und eine echte Liebe. Die hat er einfach verdient.
Und ich bin mir sicher, er würde sie vollkommen erwidern.


Wenn ich all diese Sätze lese, dann muss ich feststellen, dass ich oft auf hohem Niveau jammere.
Jetzt scheint zum Beispiel die Sonne und ich backe mir ein Brötchen auf und werde gleich erst mal frühstücken.
Musik aus der Anlage, n paar Sätze tippen und n bisschen im Haushalt rummachen bevor meine geliebte Frau wieder nach Hause kommt.
Ich habe keinen Grund zum Jammern.
Heute nicht.

Ich habe noch massig neue Musiklaberei im Hinterkopf, will es aber jetzt nicht noch länger machen.
Also:
Bis später…




Samstag, 23. August 2014

Notizen zum Wochenende






Keith Moon
wäre heute 68 geworden
& wir feiern den 150ten
von Claudias Mutter und ihrem Lebensgefährten

Mein Handy
ist kaputt
& ich finde das gut
& vermisse nichts
(werde wohl demnächst auf ein spartanisches Teil umsteigen
Für Notrufe und besondere Situation
Nur Telefon & SMS) &
brauche es nicht jede Minute
& sollte mir das Teil vielleicht ganz abgewöhnen
um einfach auch mal
nicht erreichbar zu sein

Langsam
scheine ich aus einem Down wieder aufzutauchen
aber wer weiß das schon genau
Irgendwie rechne ich mit weiteren Tiefschlägen
&
fühle mich ihnen gewachsen

Ansonsten  herrscht Krieg
beinahe überall
& sie zündeln
auf einem Pulverfass
& die Guten
finde ich nur unter den Opfern

Und ich positioniere mich nicht
weil ich von allen Seiten belogen werde
& ich positioniere mich
mit einem eindeutigen
NEIN
zu dem ganzen Wahnsinn
&
Noch mehr Waffen
schaffen genauso Frieden
wie Fasten  gegen Hungersnot hilft

Claudia hektikt im Bad
Ich bin soweit fertig
- im wahrsten Sinne des Wortes
& jetzt geht es ins Münsterland
wo wir in einem Monat heimisch werden
&
 so

verabschiede ich mich bei Euch ins Wochenende

Dienstag, 19. August 2014

"Ausgehöhlt" - Im Krebsstrudel" - Anyway: Es wird nächstes Jahr wieder zu haben sein!



Es gibt ja so Zeiten, wo die schlechten Nachrichten nicht abreißen und immer neue Scheiße dazukommt.
Ich habe mich jetzt ca. ein halbes Jahr gefreut, dass „Ausgehöhlt“ nächstes Jahr wieder erscheinen sollte, heute meldete sich der Verleger und teilte mir mit, dass 2015 keine Neuveröffentlichungen möglich sind.
Finanz(-amt) und erzwungene Neuorientierung des Verlages würden ihn zwingen, wenn überhaupt, dann später dieses Buch anzugehen.
Zitat:
„Ich möchte dich mit der Neuauflage deines beeindruckenden Romans nicht hinhalten, vor allem, da ich keine Versprechungen hinsichtlich einer Veröffentlichung machen kann.“
Okay. Scheiße.
Und ich fange wieder einmal bei Null an.

Spontan fallen mir drei Verlage ein, die ich nächste Woche nerven werde.
Ich liebe Kleinverlage, auch wenn man da immer auf die Schnauze fallen kann und nicht reich bei wird.

Oder doch im Selbstverlag?
Und selber nur über meine Web-Seite verticken?

Anyway:
„Ausgehöhlt“ wird 2015 wieder erscheinen!
Wie und wo muss ich halt dran arbeiten.
Weil dieses Buch mir wichtig ist.
Weil da viel von meinem Leben drinsteckt.
Weil es wirklich gut ist.
Ich weiß, Eigenlob stinkt. Ist aber in diesem Fall angesagt.


Ne ziemlich treffende Rezension hat Ulli Engelbrecht 2012 geschrieben:
Buch-Tipp: "Ausgehöhlt: Im Krebsstrudel" von Hermann Borgerding

Die Geschichte seiner Krebserkrankung (Mundhöhlenkrebs), die ihn kalt erwischt, aus heiterem Himmel, die ihn entstellt, die ihn verzweifeln lässt, die ihn hoffen lässt – diesem „Schlag in die Fresse“ zu folgen, fordert vom Leser zunächst viel Mut. Doch die Angst davor, durch die Lektüre vor Mitleid zu zerfließen, ist unbegründet, verflüchtigt sich schnell, weil Borgerding ein Schreiber ist, der mehr zu erzählen hat, der gradlinig, witzig und frech formuliert und der es trotz der ganzen „Krebskacke“ gar nicht erst zulässt, dass man sich als Betroffenheits-Voyeur vorkommt.
Hermann Borgerding, gebürtig aus Castrop-Rauxel und heute in Bochum beheimatet, hat nichts ausgelassen in seinem Leben, nicht Sex, Drugs, Suff oder Rock`n`Roll. War Sänger und Gitarrist, Underground-Poet, Rock-Fanatiker, Taxifahrer stets auf der Überholspur und bis zum Ausbruch seiner Krankheit als Krankenpfleger tätig. Alles das kommt auch vor und noch viel mehr: nämlich sein trotziger Willen zum Leben, zum Überleben, und dass ihm die Musik Kraft gab, die Poesie und vor allem: seine Freunde, die ihn unterstützen, aber nie vereinnahmten. Es steckt eine unglaubliche Zuversicht in und zwischen den Zeilen dieser ungewöhnlichen Autobiografie, und man wundert sich, dass Borgerding es trotz seiner Schmerzen, seiner Einschränkungen und seiner Ängste schafft, nicht nur für sich selbst lebensfreudig in die Zukunft zu schauen, sondern auch noch dem Leser jede Menge positive Energie mit auf den Weg zu geben.
„Ich habe sechs Abstiege des VfL Bochum überlebt. Da lasse ich mich doch nicht vom Krebs besiegen!“, schreibt er an einer Stelle und zieht sein persönliches Fazit: „Trotz aller Scheiße, das Leben ist lebenswert und es lohnt sich.“

Hermann Borgerding – Ausgehöhlt: Im Krebsstrudel (Edition PaperOne)
www.hermann-borgerding.de
(Ulli Engelbrecht im Lokalkompass)





„Ausgehöhlt“ lähmt mich:
Viele Leser wollten eine Fortsetzung, ich war da auch schon dran, als plötzlich der Verlag sich auflöste. Und ich keinen Sinn mehr in der Fortsetzung sah.
Stattdessen kamen wieder Gedichte (eben der „Extraball“) und mein Eigenprojekt „Auf Papier gebloggt“, das sofort weg war und demnächst dann doch in einer Neuauflage erscheinen wird.

Aber ich will, dass mein Hauptwerk gelesen werden kann. Und vertrieben wird.
Und ich will eigentlich auch Geld damit verdienen (wenn auch nicht viel…) und darauf aufbauen.
Ich gestehe jetzt mal:
Ich will auch n bisschen berühmt werden.
Und „Ausgehöhlt“ könnte da die Grundlage liefern.



N Auszug aus „Ausgehöhlt“ als Appetizer:

LESEPROBE 1 aus „Ausgehöhlt – Im Krebsstrudel“ von Hermann Borgerding:

Der entscheidende Morgen. OP-Hemd. OP-Haube. Die Scheißegal-Pillen. Klasse! Jetzt ist es mir wirklich scheißegal. Ich lache und versuche Witze zu machen, aber irgendwie funktioniert das nicht. Dann schieben sie mich durch den Nebel. Ich glaube, mir ist kalt. Ich weiß, ich hab Angst. Dann weiß ich nichts mehr…

Ich habe eine Erektion. Eine geile Blonde fummelt an meinem Penis, manipuliert, benutzt die Hände. Ja! Nimm ihn in den Mund! Schluckst du auch? Sie führt mir etwas in meine Harnröhre, die Erektion schwindet, das ist nicht meine Form von Sex.
Trompetensolo. Eigentlich mag ich keine Trompeten. Es schaukelt. Bin ich auf einem Boot? Ich bin auf einer Fähre auf dem Ozean. An der Reling steht Helga Feddersen und der unvergleichliche Sven Regener singt. „Niemand ist gern allein, mitten im Atlantik / diesmal, mein Herz, diesmal fährst du mit“.
 Ich muss kotzen. Nee, muss ich gar nicht. Überall Blut. Die Putzfrau wischt es auf – halt, das heißt ja jetzt Reinigungsfachkraft. Aber deshalb bekommt sie auch nicht mehr Geld. Es wackelt. Ich knutsche. Ein geiler Zungenkuss mit einer Unbekannten, unser Speichel vermischt sich. Als wir den Kuss beenden greift sie meine Zunge mit den Fingern und schneidet sie ab. Dann kratzt sie mit einem Löffel meinen Mund aus. Es regnet, Gott segnet, die Erde wird nass. Ich habe keine Schmerzen, ich spüre nichts. Ist das hier ein Traum? Träumt man in der Narkose? Ich sehe einen Engel. Ich sehe mich auf dem OP-Tisch. Ach so. Ich habe einen Katheter. Is nix mit Oralsex – war nur das Katheterlegen.
Blut, Schleim, aufgesägte Knochen. Verbranntes Fleisch. Die Decke bröckelt über mir. Merken das diese Idioten denn nicht? Der Putz rieselt auf mein Gesicht, ich habe einen dicken Brocken in meinem Mund, verschlucke mich daran, ersticke. Nee. Jetzt ist er runter gerutscht. Ich ersticke doch nicht. Muss scheißen. Kann es nicht halten. Egal.
 Rio singt von einer vergangenen Liebe. Junimond im Januar. Ich zerfließe. Fühle Brüste, große Brüste. Versteifte Brustwarzen. Ich nuckel immer gerne. Ich trete die Brüste – auf einmal haben sie sich in Fußbälle verwandelt. Ein klasse Schuss von mir, aber der Torwart fliegt und klatscht den Ball noch um den Pfosten. Der Torwart bin ich. Verbranntes Fleisch, brennende Haare. Es stinkt erbärmlich aber meine Nase ist zu, gefüllt mit irgendwas – was weiß denn ich. Ich will schlafen. Das ist ekelhaft. Merken die denn nicht, dass die Narkose gar nicht anschlägt, ich den Horror live erlebe?
Ich springe vom 3-Meter-Brett und tauche glatt in das kalte, perlende Wasser. Schön.
Ich tauche ab und bin wieder weg…
Es stürmt.
Break.
Weiß. Alles weiß. Ich tauche ein in weißes Licht, werde zu weißem Licht. Irgendwie so. Oder anders. Nicht in Worte zu fassen. Ich bin weißes Licht.
Break.
Ich habe Angst vor der Liebe.
Ich habe Bock auf Zärtlichkeit, Bock auf Nähe, Bock auf Wärme und Bock auf Gemeinsamkeit. Aber ich habe Angst vor der Liebe und bei mir kommt die Liebe schon oft bei nur einer dieser Sachen angeschlichen. Und hat mich dann im Griff. Aber volle Kanne.
Eines meiner Probleme: Ich verliebe mich zu schnell. Und dann halte ich zu fest und dann will ich nicht mehr loslassen und dann falle ich irgendwann auf die Schnauze und dann tut es wieder höllisch weh. Und das tut es dann immer:
höllisch weh.
Break.
Wo bin ich? Bin ich noch am Leben? Wer bin ich? Was bin ich? Warum bin ich? Bin ich?
Break.
Ich auf der Schulter meines Vaters. Pferderennen in Castrop-Rauxel. Ich bin ca. 4 Jahre alt. Und fühle mich unbesiegbar. Beschützt. Viel zu selten hat mein Vater mir dieses Gefühl vermittelt.
Break.
Ich in einem Krankenzimmer. Ich bin 5 Jahre alt und hatte einen Unfall. Die Kette meines Fahrrads war gerissen, ungebremst fuhr ich ein Gefälle runter, knallte mit dem Vorderrad an die Bordsteinkante, flog und überschlug mich, landete mit dem Kopf an einer Mauer. Gehirnerschütterung, Armbruch, Nasenbeinbruch, Kieferbruch. Meine Mutter füttert mich mit einer Schnabeltasse und frisch gekochter Suppe. Meine Schwester und meine Freunde stehen unten vor dem Fenster und rufen nach mir. Sie dürfen das Krankenzimmer nicht betreten. Eine riesige Zahnlücke wird mich bis zu meinem achtzehnten Geburtstag begleiten. Ich bin fest überzeugt, dass der Kieferbruch und die seit frühester Kindheit fehlenden Schneidezähne und die ständige Zahnklammer mit Auslöser für den Krebs sind. Nicht nur das Rauchen.
Break.
„Ich bin doch gerade erst gewaschen worden!“
Ich weiß, dass das nicht stimmt.
„Aua! Du tust mir weh!“
Ich habe sie noch gar nicht berührt.
Die Dame im Bett ist eine meiner Lieblingspatientinnen. Sie hat fürchterliche Angst, vor jeder Bewegung und jeder Berührung.
Ich versuche, zügig und vorsichtig nur das Nötigste zu machen. Eine Intimpflege und den alten Schweiß entfernen. Das muss einfach sein, sonst geht mir diese Dame noch mehr auf, wird zur liegenden Ganzkörperwunde. Und hat dann noch mehr Schmerzen.
Nach der Körperpflege setze ich mich an die Bettkante, nehme ihre Hand. Sie wird ruhig, entspannt sich. Grinst mich an:
„Ich habe dich lieb…“
Ich nicke: „Ich Sie auch…“
Break.
All diese Bilder. Jedes Bild erzählt eine Geschichte. Wie ein Stummfilm läuft das ab. Ist das mein Leben, das sich vor meinem inneren Auge abspult?
Ich sehe Thomas, Susanne, Karen, Anne. Ich sehe meine biologische Schwester, obwohl ich die vier Freunde eher als meine wahren Geschwister bezeichnen würde. Blutsbrüderschaft oder so. Aber von Blut will ich nichts wissen.
Ich sehe meine Mutter, sie weint. Sie soll damit aufhören! Wenn, dann hätte ich einen Grund zu weinen! Jetzt muss ich sie trösten.
Irgendwie weinen plötzlich alle. Selbst Thomas. Da muss ich auch weinen. Meine Tränen vermischen sich mit Blut.
Break.
Ich liege in einer Pfütze. Das Wasser rinnt aus all meinen Poren und füllt das Krankenbett. Wenn die das nicht bald wegmachen, werde ich ertrinken! Ich habe keine Beine und Arme mehr. Was ist das auf meinem Hals? Das ist doch nicht mein Kopf! Was ist das in meinem Hals? Das gehört da nicht hin! Ich kriege keine Luft mehr! Hilfe!
Und dann kommt endlich wieder diese milchige Nebelsuppe. Hüllt mich ein, wie in Watte. So möchte ich bleiben.
Break.
In und um mir Musik. Neben mir Thomas, der seine Riffs auf der Gitarre spielt und mich im Rhythmus stützt. Anne gibt an den Drums einen tierischen Beat vor, treibt uns an. Klaus hämmert das Bass-Grundgerüst. Ich dresche auf meine Gitarre ein, tanze zum Mikro. Singe Jenseits von Eden. Plötzlich steht Rio Reiser neben mir, stimmt ein:
„Heiß heiß kochend heiß
 weiß weiß blühend weiß
 Liebe was ist das
 das ist das Leben in der Stadt
 Was soll daran schlecht sein
 Liebe kommt von Unten
 Liebe hat schwache Worte
 Ich will nicht, dass du in schwarz gehst
 wenn ich tot bin
 Ach ich bin so müde
 Will zurück ins Leere
 Heiß!“
Was soll das? Dieses Lied können wir unmöglich covern! Rio ist viel zu gut! Da kann man sich doch nur blamieren!
Merkwürdigerweise schaffen wir es. Ich komme sogar mit der Atmung und dem Gesang klar. Und wir stecken voller Energie, vereinigen diese, können sie in unsere Instrumente packen und bringen es voll rüber! Dieses geile Gefühl ist unbeschreiblich. Ein gemeinsamer Orgasmus. Ein Rausch, völlig ohne Drogen und deshalb klar und umso intensiver. Heiß!!!
Break.
Ich glaube, langsam tauche ich auf.
Wenn mich nicht alles täuscht, dann höre ich einen fürchterlichen Sturm. Aber das muss draußen sein. Irgendjemand wischt irgendwas auf. Bilde ich mir das ein, oder haben sich da wirklich Fliesen von der Wand gelöst? Wo bin ich?
„Atmen sie! Sie müssen atmen!“
Ich mache es. Werde von der künstlichen Beatmung abgestöpselt. Versuche, zu sprechen.
„Nur ruhig. Sie liegen auf der Intensivstation und haben die Operation überstanden. Gleich werden Sie abgeholt und zurück auf ihr Zimmer gebracht.“
Eine Schwester und ein Pfleger. Ich nehme sie kaum wahr. Bekomme aber mit, dass sie sich fürsorglich und intensiv um mich kümmern.
Bin ich jetzt wirklich wieder da? Oder ist das nur ein anderer, etwas freundlicher Traum?
Ich kann mich nicht bewegen. Es kommt mir vor, als hätte ich überall Schläuche und künstliche Ein- und Ausgänge. Dann kommt eine Krankenschwester, die ich zu kennen glaube.
„Hallo Herr Borgerding. Wir bringen Sie wieder zurück.“
Keine Ahnung, wie oder was. Aber ich habe es überstanden. Aus meinen Augen fließen Tränen. Ein Sturzbach. Ich weine ungehemmt.
Ich lebe.

Der Tag meiner Operation ist der Tag, an dem Kyrill über Nord-Rhein-Westfalen tobt.
Das wird mir später erzählt. Ich bekomme vom Sturm nichts mit. 13 Stunden liege ich auf dem OP-Tisch. Es ist verdammt knapp und der Professor erzählt mir später, dass er meine Patientenverfügung „ein wenig auslegen“ musste. Es fließt viel Blut, eine Halsschlagader muss geflickt werden. Mein Hals und fast der gesamte Oberkiefer werden massiv leer geräumt.
Nach zwei Tagen komme ich von der Intensivstation wieder auf mein Zimmer. Ich bin noch nicht ganz da. Ich glaube, meine Schwester und meine Nichte zu sehen. Ich sehe Susanne und hebe den Daumen hoch, als Zeichen, dass alles gut gegangen ist.
Ich weiß nicht genau, ob alles gut gegangen ist. Aber ich lebe. Und weiß genau: ich will weiter leben. Will kämpfen. Scheiß auf die nachfolgenden Behinderungen – im Spiel Krebs gegen Hermann steht es 1 : 0 für mich. Das Tor ist ne geile Kombination des gesamten Teams, welches aus meinen Freunden, dem Operationsteam und mir besteht. Vollstreckt habe schließlich ich. Man könnte sagen, es ist eines meiner seltenen Kopfballtore.

Auszug aus „Ausgehöhlt – Im Krebsstrudel“, veröffentlicht bei
 edition PaperONE, Leipzig 2011
vom Autor als Leseprobe zur Veröffentlichung und Weiterverbreitung freigegeben. Jede weitere Nutzung oder Verbreitung nur nach schriftlicher Genehmigung des Autors und des Verlags.
Hermann Borgerding, Bochum 19.12.2011