Donnerstag, 13. Juni 2013

Zur politischen Lage:



Auch Schlagstöcke können Hoffnung transportieren


Nee
Sie erschrecken mich nicht
mit ihrem Pfefferspray und ihren Wasserwerfern
Eher im Gegenteil
Ich sehe plötzlich Hoffnung

In Ungarn wird faschistische Ideologie staatlich manifestiert
In Russland herrscht Unfreiheit, Homophobie
und jegliche Form der Prostitution
In der Türkei lässt Erdogan ohne Ende prügeln
Ich muss nicht erst bis Syrien gucken
Und Obama in Amerika
ist eh demaskiert
Forget the NObelpreisGutMensch!

Griechenland, Spanien, Portugal, Italien:
Wirtschaftsdiktate
und soziale Gräueltaten
ohne Ende

Hier in Dland
wo ich geboren bin
ist es ruhig – noch
und auch nur relativ

Mollath – da fällt mir Nordkorea ein
Lothar König – ganz klar russische Justiz
Repression gibt es überall – auch hier
und ohne das Hochwasser würde auch der Letzte kapieren
dass in Frankfurt
der Staat die Demokratie beerdigt hat

Repression
Sie rüsten auf
Weltweit
und trotzdem – oder deshalb –
habe ich plötzlich Zuversicht

Neue Wasserwerfer, Pfefferspray, Gasgranaten, Gummigeschosse:
Sie haben Angst
Und die europäische Zusammenarbeit der Knüppelei
und die Neuordnung der Katastropheneinsatzpläne
und Bundeswehr im Inneren und
all der Scheiß:
Denen geht der Arsch auf Grundeis

Selbst wenn sie die Presse gleichschalten
gibt es jetzt soziale Netzwerke
und all die Lügen und
all der Scheiß
wird aufgedeckt
und egal ob der oder die mal gewählt wurden
wollen die Menschen plötzlich
Spaß, Respekt und Freiheit
und lassen sich nicht mehr verarschen

Und ich fiebere mit ihnen
und leide
bei jedem Pfeffersprayschuß
und habe trotzdem
Hoffnung

Ich glaube nicht
das in Istanbul irgendwas konkretes erreicht wird
- Erinnert euch: es fing mit nem Streit um nen kleinen Grünflecken an –
aber der Virus der Revolte
und der Geschmack von Freiheit und Toleranz
können ansteckend sein

Die Faszination der Rebellion
hat die Welt erfasst
und wird nicht so schnell verdrängt werden

Es wird weh tun
aber plötzlich habe ich doch noch Hoffnung
das sich während meiner Lebenszeit was Positives entwickelt
Und die hatte ich lange nicht

Anarchie ist machbar
wenn auch nicht Heute oder Morgen
dann vielleicht Übermorgen

Danke an die Menschen in der Türkei!


Was wären wir ohne sie?



Dichterfrauen


Dies hier ist
für Claudia, für Alex, für Nadine
und für Ewa und Uli und Iris
und alle diese wunderbaren Frauen
der Schreiberlinge

Starke Frauen allesamt
sonst würden sie es mit dem Dichterpack nicht aushalten
Schöne Frauen mit Persönlichkeit
Unter der Oberklasse würde bei uns Schreiberlingen eh nichts laufen

Beneidenswerte Frauen
weil sie sind
wie sie sind
Bedauernswerte Frauen
weil ihre Männer Schreiberlinge sind

Wir Männer
sitzen an unseren Schreibtischen
sind dann
unnahbar
und ganz woanders

Oder wir fahren zu Lesungen
schreiben mit KollegInnen oder Fans
und unsere Frauen
sind außen vor
Und haben gar keine Chance
uns ganz und gar zu verstehen

Unsere Frauen akzeptieren all das
und leben mit unseren Krankheiten und Süchten
(und welcher Schreiber ist nicht krank und/oder süchtig?)
und geben uns
Kraft und Wärme ohne Ende

Dies hier ist für Linda
und für Cornelia
und für alle anderen Dichterfrauen
Es wird einfach Zeit
den Hut vor Euch zu ziehen

Zumindest ich
wäre ohne meine Claudia nicht da
wo ich jetzt bin

Wird einfach mal Zeit für ein ganz dickes und ehrliches
DANKE!!!



Dienstag, 11. Juni 2013

Seifenblasen im Schädel - Das Titelstück:



20 Jahre nachdem ich dieses Gedicht geschrieben habe springt es mich an.
"Veröffentliche mich wieder! Ich bin toll!"
Ich glaube, ich gebe ihm Recht. Was meint ihr? 


Seifenblasen im Schädel

Ich habe das Gefühl
als wäre ich jahrelang weg gewesen.
Wenig durchbricht
die Mauern der Müdigkeit.

Wieder neu anfangen?
Weiß nicht…
Warum?
Andererseits:
Warum nicht?

Irgendwas vom Morgenhimmel
küsst mich wach
berührt mich.
Plötzlich erinnere ich mich
Manchmal
war es gar nicht so schlecht
mit mir.

Wer vermisst mich
wenn ich mich verlasse?

Immer noch
heimatlos
betrachte ich dieses Land –
Ich muss es wohl lieben:
Es tut weh.

Seifenblasen im Schädel
und
immer noch Zuversicht.
Irgendein Wunder wartet auf mich
Ich gebe zu:
Das ist nur ein unsicherer Halt
in meinem haltlosen Leben.

Ich kann nicht fliegen
das habe ich akzeptiert.
Aber ich schwebe und
nehme Schönheiten auf
die kein Dichter beschreiben kann.
Das fängt an
bei brachialen Gitarrensounds
und hört bei ihrem Lächeln noch lange nicht auf.

Heute
werde ich mich verlassen.

Vielleicht komme ich an.

Weitere Seifenblasen:



HARTE ZEITEN II

Die Metaphern von heute
sind immer noch
Kettensäge Beton Massaker Stahl
Stacheldraht Gitter Plastik
und andere Nettigkeiten

Harte Zeiten
für Romantiker

Der Absturz
scheint unausweichlich
Die harte Landung
nur noch eine Frage der Zeit

Was ich zu sagen habe
ist nicht neu
und wiederholt sich

Trotzdem!

Montag, 10. Juni 2013

Harte Zeiten XV



HARTE  ZEITEN

(XV)



Weißt du noch

wie wir sie ausgelacht haben?

Damals

als wir uns stark fühlten

und die Welt aus ihren Angeln heben wollten

und die Zukunft uns gehörte?



Irgendwie

gehört uns jetzt die Gegenwart



Aber

wir müssen da was verpennt haben

vielleicht im Rausch unser Zwanziger und Dreißiger

es einfach nicht bemerkt haben:



Wieder

stehen wir verwundert am Rand

und fragen uns

was wir da noch machen können



Und wieder

können wir nur mit den Achseln zucken



Und die Welt

bleibt nicht nur in ihren Angeln

sie scheint darin auch noch zu verrosten

und unterzugehen

(ca. 1998 aus "Seifenblasen im Schädel")