Mittwoch, 21. Dezember 2016

Nicht in Sicherheit, aber ohne Angst



Ich habe Freunde in Berlin.
Ich habe in verdammt vielen Städten Freunde und wenn dort irgendeine Scheiße passiert - dann mache ich mir Sorgen.
Ich habe den Safety-Check von Facebook benutzt, finde es erschreckend sinnvoll, dass es sowas gibt.
Sollte vielleicht als Dauereinrichtung immer laufen.
Mein Status: Ich bin okay. Ich bin in Sicherheit.
Nein.
Nicht wirklich.
Ich bin nicht in Sicherheit.
Ich bin meine ständige Gefahrenquelle. Und mein Leben ist immer in Gefahr.
Zumindest solange ich lebe.

Ich habe keine Angst vor Terror-Anschlägen.
Die Einschläge kommen zwar näher, die Wahrscheinlichkeit in Dland Opfer eines Terroranschlags zu werden ist aber immer noch wesentlich geringer, als Opfer bei einem Verkehrsunfall zu werden.
Damit will ich nicht die Opfer entwürdigen oder die Trauer und Wut kleinreden, versteht mich nicht falsch!
Ich lebe im tiefsten Münsterland.
Hier fahren die Bauern und Bäuerinnen besoffen oder im hohen Greisenalter noch Auto. Und die Landstraßen sind nicht wirklich sicher.
Und trotzdem ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass mein Krebs mich irgendwann an die Hand nimmt.
Oder ich einfach nicht mehr kann.
Ich bin nicht in Sicherheit.
Trotzdem habe ich keine Angst.

Ich habe keine Angst vor Menschen. Ich weiß, da gibt es viele Arschlöcher, unabhängig von Hautfarbe oder Herkunft. Arschlöcher gehören einfach zur Menschheit.
Ich bekomme n scheiß Gefühl bei zu vielen Sicherheitskräften, ich mag keine Polizisten mit Maschinengewehren, ich mag auch keine Polizisten mit Reizgas in der Hand.
Die Videokameras an jeder Ecke geben mir keine Sicherheit, sondern ein Gefühl der ständigen Überwachung.
Darauf würde ich gerne verzichten.

Ach, was soll‘s!
Das könnte ich täglich posten. Bringt aber wenig.
Ich bin müde.
Verdammt müde…

Soviel zum Zeitgeist.



Mein Protest und mein Rebellentum:
-        Ich höre auf, zu rauchen.
-        Ich rauche heimlich doch noch die ein oder andere Zigarette.
-        Ich schmücke einen Weihnachtsbaum, den mir meine Frau geschenkt hat.
Sie weiß, dass ich klammheimlich darauf abfahre.
-        Ich lasse mir die neue Stones-LP schenken.
-        Ich werde weiter leben.
-        usw.



Heute noch, dann ist Winterpause im Fußball.
Muss ich mir das Spiel Bayern München gegen RedBull Leipzig angucken?
Spielerisch mit Sicherheit das Beste, was dtscher Fußball momentan zu bieten hat.
Aber zwei Vereine, die genauso sympathisch wie Fußpilz oder Hämorrhoiden sind.
Und leider können ja nicht beide verlieren.



Habe ich schon erwähnt, dass ich müde bin?



Freitag, 16. Dezember 2016

Ein Gedicht, das niemand lesen will



Pure Poesie

Ich bekam heute einen Liebesbrief vom Krankenhaus
mit einem Protokoll meiner Erstvorstellung

Zustand nach Mundhöhlenkarzinom:
Oberkieferteilresektion, Radialislappentransplantat, adjuvante Radiotherapie,
Beckenkammaugmentation im Oberkiefer,
implantatprothetische Versorgung alio loco

Aktuell:
ausgeprägte Defektsituation im Oberkiefer
insuffiziente Locator-Versorgung auf drei Implantaten
fehlende Prothetik im Unterkiefer
massive Pseudoprogenie
Fehlen des anterioren Oberkiefers
Geplant ist eine kaufunktionelle Rehabilitation

Keine sichere Prognose
ob eine Verbesserung der jetzigen Versorgung möglich ist
Aufgrund der ausgeprägten mandibulo-maxillären Diskrepanz ist eine regelhafte Verzahnung nicht möglich
ein umgekehrter frontaler Überbiss muss in Kauf genommen werden
Operativer Eingriff im bestrahlten Gebiet beinhaltet mögliche Risiken (Osteoradionekrose)

Übersetzung:
Der große Fuck


Nachtrag:
Seit gestern ist klar
Der große Fuck wird noch vom größtmöglichen Oberfuck übertroffen
Ein operativer Eingriff ist seriös nicht mehr machbar

Übersetzung:
Ich bin komplett im Arsch

Prost!


Donnerstag, 15. Dezember 2016

Zigarette statt Zähne






Während ich beginne zu tippen
rauche ich mir eine Zigarette
Und das
obwohl ich meiner Frau versprochen habe
ab heute aufzuhören.

Ein scheiß Start
für einen Text
Genauso beschissen wie dieses ganze abgefuckte Jahr
und genauso beschissen
wie ich mich momentan fühle.

Nervös und voller Skepsis, aber trotzdem zuversichtlich fuhren wir heute nach Essen um ein weiteres Vorgehen bezüglich meines Kiefer und Gebissaufbaus mit der Klinik zu planen. Das Ergebnis hat uns umgehauen und fast jegliche Hoffnung zerstört: Da ist nix mehr aufzubauen. Die Minimallösung ist weniger, als wir in unseren schlimmen Träumen geträumt haben und ich bleibe ein zahn- und kieferloses Wrack. Kauen kann ich mir abschminken, ne bessere Artikulation auch. Die nötigen Operationen wären lebensgefährlich bei meiner Konstitution und die Erfolgsaussichten äußerst gering.
Die Ärzte waren sehr nett, haben sich Zeit gelassen und Claudia und mir alles geduldig erklärt. Und ich muss das akzeptieren. Und habe wenigstens zum ersten Mal in diesem beschissenen Jahr gerafft, dass ich froh sein kann, noch zu leben und die Ärzte in Langendreer das Beste gegeben haben und mehr nicht möglich ist. Positiv also: Ich weiß jetzt Bescheid. Verstehe und werde versuchen, damit zu leben.
Der Rest ist negativ.

Ich öffne mir ein Bier
während Claudia im Wohnzimmer ihre Geburtstagsglückwünsche abtelefoniert
und ich mich beschissen fühle
und ihr Geburtstag versaut ist.

Ein geiler Vollmond.
Unser Hund kuschelt und ist nervös.
Die Schwiegermutter versteht wohl irgendwas (Demenz hin und her)
und umarmt mich
und wünscht uns eine Gute Nacht.

Natürlich funktioniert
die unschlagbare Musik
jetzt nicht.

Claudias Tränen in diesem Behandlungszimmer wirken:
sie geben mir Leben.
Wer, wenn nicht ich
soll in Zukunft die Dosen öffnen, kaputte Glühbirnen wechseln,
ihr zum xten Mal die Fernbedienung und das Handy erklären?
Ich werde noch gebraucht.

Plötzlich macht der Zigarettenverzicht noch weniger Sinn
aber ich werde nach dem Wochenende trotzdem neustarten.
Diesmal nicht wegen der Aussicht auf ein neues Gebiss
sondern für meine Frau
und weil ich festgestellt habe
dass morgendliches Dauerhusten abstellbar ist,
meine angeschlagene Gesundheit ohne Kippen besser zu händeln ist
und die Kippen mir eigentlich auch keinen Spaß mehr machen.
Okay:
Das Leben macht momentan auch keinen Spaß
aber
das ist kein Argument.

Ich lebe
und ich kämpfe weiter
vor allem
weil ich liebe.

Diesen Rückfall verzeihe ich mir
und ich denke
er ist nachvollziehbar.

Es ist noch nicht vorbei.
Auch wenn es Kacke ist.

Abputzen
bis das letzte Blättchen weiß bleibt.
Das habe ich schon als Kind gelernt.