Freitag, 29. April 2011

Ich will Kotzbeutel zur Royal Wedding


Kotzbeutel zur Royal Wedding

Ich bin bekanntermaßen
Romantiker
und stehe auf Kitsch
da könnt ihr alle meine Kritiker fragen

Und ich gönne fast allen Menschen
alles Glück und alle Liebe dieser Erde
(sogar manchem Politiker gönne ich Glück und Liebe)
Kate und William gönne ich
was auch immer sie für sich wollen
(Sie haben mir nichts getan: ich bin kein Brite)

Trotzdem:
Während dieser Prunkshow in der Glotze
Mit all diesen hässlichen Uniformen, Fracks und Hüten
(Göttin! Was für Hüte!)
hoffte ich auf einen Skandal oder wenigstens ein Skandälchen
Eine Farbbombe, faule Eier oder wenigstens ein Stolperer oder Sturz
wär schon geil gewesen
aber da passierte leider nichts

Ich legte mir Sex Pistols auf
und kapierte einfach nicht
wie ein so hässlicher Mann wie William
eine vernünftig aussehende Frau abkriegen kann
und warum die Leute so jubeln
als hätte ManU die Champions League gewonnen
„Inselaffen“ sagte ich mir und
kehrte zurück
zu den wichtigen Sachen des Lebens

Kate hätte eine Heldin werden können
Leider hat sie nicht NEIN! geschrien

Freitag, 1. April 2011

Meine Märzrückschau am 1. April


Hat euch der März 2011 genauso umgehauen wie mich?
Libyen, Gesamt-Nordafrika, Japan, Fukushima, dann die bundesdeutschen Reaktionen, inklusive Wahlen und rumgemerkel: Irgendwie haben die Nachrichten mich völlig im Griff. Schon morgens schalte ich die Glotze an, um den neuesten Horror mitzubekommen.
Es geht mir dabei generell zu schnell, es passiert mir zu viel, ich glaube nur die Hälfte und befürchte, dass mindestens doppelt so viel Scheiße verschwiegen wird.
Anyway: Politik bleibt böse. War schon immer böse. Allgemeinplätze: Leben heißt leiden, heißt kämpfen, heißt Hoffnung und Verzweiflung und übAhaupt.

Unsere Hündin hat einen Tumor und wird in drei Wochen operiert. Scheinbar nicht besonders besorgniserregend. Wir sorgen uns aber trotzdem. Alleine ne Vollnarkose ist für so eine Vierbeinerin kein Zuckerschlecken und ich habe eine persönliche extreme Abneigung gegen Tumore jeder Art. Noch mehr, als gegen Zecken und Politiker.
Meine Frau steht wahrscheinlich vor einem beruflichen Wechsel. Raus aus der Altenarbeit, rein in die medizinische Flüchtlingsbetreuung. Spannend. Nerven zehrend. Wieder einmal anstrengendes Leben.
Tja. Und dann noch ich. Ich weiß, ihr könnt es nicht mehr lesen / hören: mein Gedichtband ist erschienen und ich bin stolz drauf. Mein Roman liegt endgültig in der Endphase. Diesmal ohne ein Zurück.
Ansonsten kränkele ich vor mich hin und bin schlapp. Ich hoffe auf Frühjahrsmüdigkeit. Aber irgendwie scheint mein Leben nur noch aus Winterschlaf, Frühjahrsmüdigkeit, Sommerträgheit und Herbstantriebslosigkeit zu bestehen. Das ist mir zu doof. (Und es stimmt wie immer auch nur teilweise…)
So viele Mails noch nicht beantwortet, so viele Treffen verschoben, so viele Lieder nur halb und im vorbeifließen gehört. Lange nicht mehr gemalt oder Gitarre gespielt.
Während ich das hier tippe höre ich J. Mascis. Der Sänger und Gitarrist von Dinosaur Jr. mit seinem neuen Solo-Werk. Schön. Kann ich nur empfehlen. Und langsam packt mich die Endspurtstimmung beim VfL Bochum, auch wenn sie unansehnlich spielen: der Aufstieg scheint machbar. Maya kommt angetappst und leckt mir die Finger, es ist aber noch zu früh, für den Nachmittagsgang.

Ach ja.
Zum Schluss noch eine kleine Belanglosigkeit, die nervt:
Ich bekomme einen Bauch! Ich kriege Rettungsringe! Gemein!
Ich bin ja froh, endlich an Gewicht zuzulegen. Mittlerweile habe ich die 56-Kilo überschritten.
Bei 1,72 Meter Größe (geistig bin ich dafür ein Riese!) ist das nicht viel. Und ich würde gerne an Muskulatur im Schulterbereich zunehmen, würde gerne etwas mehr Arsch in der Hose haben, so was eben.
Stattdessen Bauch. Scheiße.
Irgendwie ist mehr Sport oder gar Fitness-Training nicht drin. Zu schlapp, nicht belastbar. Keine Angst: eine Diät kommt für mich nicht in Frage.
Bald bin ich also wieder dickes fettes Hermann. Eben ein alter Mann.
Immerhin: vor vier Jahren hätte ich mir nicht träumen lassen, dass ich es noch so weit bringe!

Genießt den Frühling!
Bis bald…

Freitag, 25. März 2011

Jau! Jetzt ist es da!


Jau! Jetzt ist es da!
Heute kam das Paket vom Verlag an und jetzt halte ich es in meinen Händen:
„Mein Mittelfinger dem Krebs“ Gedichte von Hermann Borgerding, 93 Seiten, 8,95€.
Es ist ein merkwürdiges Gefühl, sein eigenes Buch in den Händen zu halten. Hat was mit Stolz zu tun. Ist schon geil… Das Cover ist etwas heftig. Doch: das hat was!
Es wird Frühling! Und da passt so ein Buch ja ganz gut. Ihr könnt es in der Sonne lesen, ihr könnt es aber auch auf dem Klo als Lektüre mitnehmen. Ihr könnt es kaufen:
-          - Direkt beim Verlag: www.Edition PaperONE.de
-        -   Im Buchhandel (ISBN 978-3-941134-65-2)
-         -  Bei mir (mit Versandkosten bitte n Zehner überweisen, bestellen über hermann.borgerding@googlemail.com)
-         -  Auf einer der kommenden Lesungen, da habe ich aber noch keinen festen Plan…

Wenn ihr Interesse habt und es wirklich lesen solltet, dann schickt mir doch bitte ne Mail mit eurer Meinung dazu. Ich bin da schon neugierig und auf Feedback gespannt…


Montag, 14. März 2011

9000 Kilometer


9000 Kilometer


Japan ist weit weg. Sprachlosigkeit und Mitgefühl mit den betroffenen Menschen, Hochachtung vor ihrer Disziplin. Angst und Wut angesichts des Kernkraft-GAUs überlagern ein trotziges „Wir wussten es schon immer“ über Fukushima. Noch sind die Folgen nicht absehbar. Nur die Beschwichtigungen und Lügen der Kernkraftbetreiber und der Regierung kotzen mich an. Und mehr gibt es da von mir nicht zu schreiben: das werden weitaus kompetentere Menschen schon tun.
Günther Amendt ist gestorben. Der Sozialtheoretiker, Sexualwissenschaftler und Drogenexperte war einer der klügsten Köpfe Deutschlands und hob sich immer wieder in seinen (durchaus auch populistischen – na und!) Aussagen von langweiligen Soziologiescheiß oder Pseudobetroffenheiten anderer kluger Köpfe ab.
Immer wieder Libyen. Scheiße. Auch da sollen kompetentere Menschen urteilen. Nur so viel: ich erkenne da keine einheitliche demokratische Revolutionsbewegung. Die Lage und Struktur in Libyen blicke ich nicht. Bürgerkrieg ist immer Scheiße, aber in diesem Fall von einer Revolution des Volkes (der Volksstämme) zu sprechen ist mir dann doch zu einfach. Womit ich die Gaddaffis dieser Welt auch nicht verteidigen möchte.
Angesichts der momentanen Weltlage ist mein Tanz auf diesem Vulkan Erde völlig unerheblich. Aber auch ein einzelnes Staubkorn gehört schließlich zum Ganzen. Und kann was bewirken. Hoffe ich zumindest.  Oder auch nicht. Oder so. Schwafel!  Ich tippe mal meine kleine Situationsbeschreibung in diesen Blogbeitrag:
Hatschi. Hust. 9000 Kilometer weit weg die Apokalypse, hier eine miese, fiese Erkältung.
Ich bin mal wieder richtig krank, akut. Nicht dieser langweilige chronische Krebsscheiß, sondern eine Erkältung, die mich völlig umwirft: durch die Entfernung meiner Halslymphknoten und die Nachwirkungen der Krebsscheiße ist mein Immunsystem im Arsch und eine Erkältung immer heftig. Okay: das ist sie sowieso bei allen richtigen Männern. Aber bei mir halt noch ne Nummer härter. Ich bin weitgehend bettlägerig und das ist langweilig und nervt. Meine Frau verbietet mir die Hundegänge und zwingt mich, guttuende Tees und Essen aufzunehmen. Die Zigaretten schmecken nicht mehr, ich reduziere freiwillig aufs Minimum. Mein Kopf fühlt sich an wie eine Wasserbombe, der Sabber fließt ununterbrochen aus meinem rechten Mundwinkel und der Nase und ich habe das Gefühl, dass mein Hirn wegschwimmt. Glieder- und Kopfschmerzen nehmen zu. Ich bin noch schlapper als sonst.
Das ist jetzt das erste Mal seit vier Jahren, dass mich dieser Rotz so richtig erwischt. Ich versuche das positiv zu sehen: scheinbar ist mein Krebs jetzt soweit geheilt, dass ich auch wieder normale Wehwehchen wahrnehmen kann. Hatschi! Hust! Gesundheit!
Die Erkältung und das Fieber schleppe ich jetzt den vierten Tag mit mir rum. Mein Computer war länger krank:
Bei Programmwechsel und langen Dokumenten stürzte das Teil immer öfter ab und der Verlust nicht gespeicherter Sätze und Gedanken nervte völlig. Verzweiflung! Schreiben machte keinen Spaß mehr und technische Zickereien lenkten mich zu sehr von Produktivität und Kreativität ab.
Jetzt ist da ein neuer Klappenrechner (laut Mini-ster Rammsauer sollen Anglizismen vermieden werden und deshalb werden Laptops im Verkehrsministerium offiziell Klappenrechner genannt – Nein: kein Scherz!) und trotz Krankheit habe ich das Teil jetzt eingerichtet und gewöhne mich langsam an Word Starter 2010.
Ich muss bloß aufpassen, die Tastatur und den Bildschirm nicht voll zu sabbern und voll zu rotzen. Und ich bin mir bewusst, dass ein neuer Rechner als Thema gerade jetzt in das Tagesgeschehen nicht reinpasst, eher pervers erscheint. Trotzdem.
9000 Kilometer entfernt. Hier labert ein(e) Merkel von neuen Erkenntnissen. Erkenntnisse und Warnungen, die seit über 30 Jahren bekannt sind und von Merkel einfach zur Seite geschoben wurden, jetzt aber Wahlkampftechnisch nicht mehr ignoriert werden können.
Wenn ich nicht so viel husten müsste, dann könnte ich kotzen.
Meine Frau liegt platt und erschöpft auf dem Sofa. Sie arbeitet, geht mit der Hündin, macht den Haushalt und pflegt mich (soweit ich mich pflegen lasse, benötigen tue ich es nicht wirklich). Arme Claudia, ich liebe sie!
Ich sitze dann doch am Compi und tippe dies hier als Fingerübung und Einstieg. Gleich werde ich wieder ins Bett geschickt.
Japan ist weit weg. Ich ziehe mir die Bettdecke über den Kopf du schlafe. Das Leben ist schön – zumindest im Schlaf. Hatschi…

Dienstag, 22. Februar 2011

Meine OP

Lange nichts mehr gebloggt.
Wenn ich abends n Post fast fertig hatte war er am nächsten Morgen von der aktuellen Entwicklung schon wieder überrollt. Ich sag nur Ägypten. Ich sag nur Libyen. Und Guttenberg, ohne Doktor, dafür mit dem Baron von Münchhausen HC - Titel.
Als Beleg meiner weiteren fleißigen Schreibtischtaten setze ich jetzt mal hier n kleinen Auszug aus meinem langen Prosatexzt rein. Glaubt es mir: das ganze ist schweineanstrengend. Nicht nur wegen der Arbeit, sondern vor allem wegen der persönlichen Betroffenheit:

Der entscheidende Morgen. OP-Hemd. OP-Haube. Die Scheißegal-Pillen. Klasse! Jetzt ist es mir wirklich scheißegal. Ich lache und versuche Witze zu machen, aber irgendwie funktioniert das nicht. Dann schieben sie mich durch den Nebel. Ich glaube, mir ist kalt. Ich weiß, ich hab Angst. Dann weiß ich nichts mehr…

Ich habe eine Erektion. Eine geile Blonde fummelt an meinem Penis, manipuliert, benutzt die Hände. Ja! Nimm ihn in den Mund! Schluckst du auch? Sie führt mir etwas in meine Harnröhre, die Erektion schwindet, das ist nicht meine Form von Sex.
Trompetensolo. Eigentlich mag ich keine Trompeten. Es schaukelt. Bin ich auf einem Boot? Ich bin auf einer Fähre auf dem Ozean. An der Reling steht Helga Feddersen und der unvergleichliche Sven Regener singt. „Niemand ist gern allein, mitten im Atlantik / diesmal, mein Herz, diesmal fährst du mit“.
 Ich muss kotzen. Nee, muss ich gar nicht. Überall Blut. Die Putzfrau wischt es auf – halt, das heißt ja jetzt Reinigungsfachkraft. Aber deshalb bekommt sie auch nicht mehr Geld. Es wackelt. Ich knutsche. Ein geiler Zungenkuss mit einer Unbekannten, unser Speichel vermischt sich. Als wir den Kuss beenden greift sie meine Zunge mit den Fingern und schneidet sie ab. Dann kratzt sie mit einem Löffel meinen Mund aus. Es regnet, Gott segnet, die Erde wird nass. Ich habe keine Schmerzen, ich spüre nichts. Ist das hier ein Traum? Träumt man in der Narkose? Ich sehe einen Engel. Ich sehe mich auf dem OP-Tisch. Ach so: ich habe einen Katheter. Is nix mit Oralsex – war nur das Katheterlegen.
Blut, Schleim, aufgesägte Knochen. Verbranntes Fleisch. Die Decke bröckelt über mir. Merken das diese Idioten denn nicht? Der Putz rieselt auf mein Gesicht, ich habe einen dicken Brocken in meinem Mund, verschlucke mich daran, ersticke. Nee. Jetzt ist er runter gerutscht. Ich ersticke doch nicht. Muss scheißen. Kann es nicht halten. Egal.
 Rio singt von einer vergangenen Liebe. Junimond im Januar. Ich zerfließe. Fühle Brüste, große Brüste. Versteifte Brustwarzen. Ich nuckel immer gerne. Ich trete die Brüste – auf einmal haben sie sich in Fußbälle verwandelt. Ein klasse Schuss von mir, aber der Torwart fliegt und klatscht den Ball noch um den Pfosten. Der Torwart bin ich. Verbranntes Fleisch, brennende Haare. Es stinkt erbärmlich aber meine Nase ist zu, gefüllt mit irgendwas – was weiß denn ich. Ich will schlafen. Das ist ekelhaft. Merken die denn nicht, dass die Narkose gar nicht anschlägt, ich den Horror live erlebe?
Ich springe vom 3-Meter-Brett und tauche glatt in das kalte, perlende Wasser. Schön.
Ich tauche ab und bin wieder weg…
Es stürmt.
Break.
Weiß. Alles weiß. Ich tauche ein in weißes Licht, werde zu weißem Licht. Irgendwie so. Oder anders. Nicht in Worte zu fassen. Ich bin weißes Licht.
Break.
Ich habe Angst vor der Liebe.
Ich habe Bock auf Zärtlichkeit, Bock auf Nähe, Bock auf Wärme und Bock auf Gemeinsamkeit. Aber ich habe Angst vor der Liebe und bei mir kommt die Liebe schon oft bei nur einer dieser Sachen angeschlichen. Und hat mich dann im Griff. Aber volle Kanne.
Eines meiner Probleme: ich verliebe mich zu schnell. Und dann halte ich zu fest und dann will ich nicht mehr loslassen und dann falle ich irgendwann auf die Schnauze und dann tut es wieder höllisch weh. Und das tut es dann immer:
höllisch weh.
Break.
Wo bin ich? Bin ich noch am Leben? Wer bin ich? Was bin ich? Warum bin ich? Bin ich?
Break.
Ich auf der Schulter meines Vaters. Pferderennen in Castrop-Rauxel. Ich bin ca. 4 Jahre alt. Und fühle mich unbesiegbar. Beschützt. Viel zu selten hat mein Vater mir dieses Gefühl vermittelt.
Break.
Ich in einem Krankenzimmer. Ich bin 5 Jahre alt und hatte einen Unfall. Die Kette meines Fahrrads war gerissen, ungebremst fuhr ich ein Gefälle runter, knallte mit dem Vorderrad an die Bordsteinkante, flog und überschlug mich, landete mit dem Kopf an einer Mauer. Gehirnerschütterung, Armbruch, Nasenbeinbruch, Kieferbruch. Meine Mutter füttert mich mit einer Schnabeltasse und frisch gekochter Suppe. Meine Schwester und meine Freunde stehen unten vor dem Fenster und rufen nach mir. Sie dürfen das Krankenzimmer nicht betreten. Eine riesige Zahnlücke wird mich bis zu meinem achtzehnten Geburtstag begleiten. Ich bin fest überzeugt, dass der Kieferbruch und die seit frühester Kindheit fehlenden Schneidezähne und die ständige Zahnklammer mit Auslöser für den Krebs sind. Nicht nur das Rauchen.
Break.
„Ich bin doch gerade erst gewaschen worden!“
Ich weiß, dass das nicht stimmt.
„Aua! Du tust mir weh!“
Ich habe sie noch gar nicht berührt.
Die Dame im Bett ist eine meiner Lieblingspatientinnen. Sie hat fürchterliche Angst, vor jeder Bewegung und jeder Berührung.
Ich versuche, zügig und vorsichtig nur das Nötigste zu machen. Eine Intimpflege und den alten Schweiß entfernen. Das muss einfach sein, sonst geht mir diese Dame noch mehr auf, wird zur liegenden Ganzkörperwunde. Und hat dann noch mehr Schmerzen.
Nach der Körperpflege setze ich mich an die Bettkante, nehme ihre Hand. Sie wird ruhig, entspannt sich. Grinst mich an:
„Ich habe dich lieb…“
Ich nicke: „Ich sie auch…“
Break.
All diese Bilder. Jedes Bild erzählt eine Geschichte. Wie ein Stummfilm läuft das ab. Ist das mein Leben, das sich vor meinem inneren Auge abspult?
Ich sehe Thomas, Susanne, Karen, Anne. Ich sehe meine biologische Schwester, obwohl ich die vier Freunde eher als meine wahre Geschwister bezeichnen würde. Blutsbrüderschaft oder so. Aber von Blut will ich nichts wissen.
Ich sehe meine Mutter, sie weint. Sie soll damit aufhören! Wenn, dann hätte ich einen Grund zu weinen! Jetzt muss ich sie trösten.
Irgendwie weinen plötzlich alle. Selbst Thomas. Da muss ich auch weinen. Meine Tränen vermischen sich mit Blut.
Break.
Ich liege in einer Pfütze. Das Wasser rinnt aus all meinen Poren und füllt das Krankenbett. Wenn die das nicht bald wegmachen, werde ich ertrinken! Ich habe keine Beine und Arme mehr. Was ist das auf meinem Hals? Das ist doch nicht mein Kopf! Was ist das in meinem Hals? Das gehört da nicht hin! Ich kriege keine Luft mehr! Hilfe!
Und dann kommt endlich wieder diese milchige Nebelsuppe. Hüllt mich ein, wie in Watte. So möchte ich bleiben.
Break.
In und um mir Musik. Neben mir Thomas, der seine Riffs auf der Gitarre spielt und mich im Rhythmus stützt. Anne gibt an den Drums einen tierischen Beat vor, treibt uns an. Klaus hämmert das Bass-Grundgerüst. Ich dresche auf meine Gitarre ein, tanze zum Mikro. Singe Jenseits von Eden. Plötzlich steht Rio Reiser neben mir, stimmt ein:
„Heiß heiß kochend heiß
 weiß weiß blühend weiß
 Liebe was ist das
 das ist das Leben in der Stadt
 Was soll daran schlecht sein
 Liebe kommt von Unten
 Liebe hat schwache Worte
 Ich will nicht, dass du in schwarz gehst
 wenn ich tot bin
 Ach ich bin so müde
 Will zurück ins Leere
 Heiß!“
Was soll das? Dieses Lied können wir unmöglich covern! Rio ist viel zu gut! Da kann man sich doch nur blamieren!
Merkwürdigerweise schaffen wir es. Ich komme sogar mit der Atmung und dem Gesang klar. Und wir stecken voller Energie, vereinigen diese, können sie in unsere Instrumente packen und bringen es voll rüber! Dieses geile Gefühl ist unbeschreiblich. Ein gemeinsamer Orgasmus. Ein Rausch, völlig ohne Drogen und deshalb klar und umso intensiver. Heiß!!!
Break.
Ich glaube, langsam tauche ich auf.
Wenn mich nicht alles täuscht, dann höre ich einen fürchterlichen Sturm. Aber das muss Draußen sein. Irgendjemand wischt irgendwas auf. Bilde ich mir das ein, oder haben sich da wirklich Fliesen von der Wand gelöst? Wo bin ich?
„Atmen sie! Sie müssen atmen!“
Ich mache es. Werden von der künstlichen Beatmung abgestöpselt. Versuche, zu sprechen.
„Nur ruhig. Sie liegen auf der Intensivstation und haben die Operation überstanden. Gleich werden sie abgeholt und zurück auf ihr Zimmer gebracht.“
Eine Schwester und ein Pfleger. Ich nehme sie kaum wahr. Bekomme aber mit, dass sie sich fürsorglich und intensiv um mich kümmern.
Bin ich jetzt wirklich wieder da? Oder ist das nur ein anderer, etwas freundlicher Traum?
Ich kann mich nicht bewegen. Es kommt mir vor, als hätte ich überall Schläuche und künstliche Ein- und Ausgänge. Dann kommt eine Krankenschwester, die ich zu kennen glaube.
„Hallo Herr Borgerding. Wir bringen sie wieder zurück.“
Keine Ahnung, wie oder was. Aber ich habe es überstanden. Aus meinen Augen fließen Tränen. Ein Sturzbach. Ich weine ungehemmt.
Ich lebe.


Dienstag, 1. Februar 2011

das haus der lügen


Das Haus der Lügen

Mein Haus der Lügen hieß Adalbert Stifter Gymnasium
Ich lernte dort
zu saufen, zu rauchen, zu kiffen
und zu versumpfen
Da hatte ich
gute Lehrer

Bildung und Wissen
besorgte ich mir aus den Nebensätzen
und dem Nichtgesagten des Lehrkörpers
Ich lernte Skepsis und Misstrauen
und bin da noch heute
sehr dankbar drüber

Als ich laut hinterfragte und kritisierte
blieb ich sitzen
Als ich mich zudröhnte und
nur noch selten zum Unterricht erschien
schaffte ich ein akzeptables Abitur
Noch Fragen?

Menschliche Wracks, Alkoholiker,
desillusionierte Idealisten
Ein Lehrerkollegium ist eine Horror-Show
gescheiterter Existenzen
die ihre Niederlagen an Schülern rächen
Ich glaube
so was nennt man dann Pädagogen
Größtenteils arme Wichte
Da sie keine Autorität besitzen
ersetzen sie diese durch Autokratie
Am schlimmsten
(und ich schäme mich noch heute,
dies eingestehen zu müssen)
waren damals die so genannten linken Lehrer
die sich für fortschrittlich und demokratisch hielten
und ihre Machtgelüste an uns Schüler ausließen
Ich weigerte mich
sie zu duzen
und beleidigte sie damit zutiefst

Meine wahren Schulen waren
der Stadtpark, die Rennbahn, das Ruhr-Stadion
und das Strandcafe
Auch dort lernte ich aus Nebensätzen,
Nichtgesagtem und Träumen
Ein Rock-Song brachte mir mehr bei
als ein ganzes Schuljahr

Schöne und wichtige Sachen in der Jugend
passierten trotz der Schule
und nicht wegen ihr
In der Schule lernte ich nicht für das Leben
aber das Leben brachte mir dann doch Einiges bei

Eines war und ist für mich dabei klar:
Feuerzangenbowlenromantik
ist bei mir nicht drin