Dienstag, 2. Oktober 2018

Christine



(ich bin mir nicht sicher, ob ich so etwas vor dem Tod schreiben darf, aber da das Sterben in nächster Zeit unausweichlich erscheint und ich momentan diese Gedanken habe, ist dieses Gedicht für meine sterbende Freundin eben jetzt entstanden:)





Abschiednehmen fällt schwer

& ist scheiße



Es fing vor ungefähr einem Jahr an

Rückenschmerzen und andere Beschwerden

die einfach nicht besser wurden

und dann die endgültige Diagnose:

Krebs

und dann ging es schnell bergab

und ich sah die MRT-Bilder

und dachte da schon

„Fuck. No chance.“



Krebs ist ein Arschloch

Immer

Und mir hatte man auch keine Chance gegeben

aber ich lebe immer noch

Auch daran wollte sie sich aufrichten

Und an unsere Freundschaft und Zuneigung

aber ich bin ein alter und kranker Mann

und kann nur bedingt helfen



Krebs ist ein Arschloch

und erwischte sie in seiner ekelhaftesten Form



Immer wieder Hoffnungen

auch wenn sie unrealistisch waren

Immer wieder aufstehen

auch wenn es nur bergab ging



Christine heiratete ihre Liebe

und das waren wunderschöne Feiern

und das gibt ihr Kraft

Christine hat ihre Familie und ihre Freundinnen

und das ist groß

und wahnsinnig viel

Christine hat ihre Töchter

Christine hat Torsten

der immer bei ihr ist

Christine stirbt



Stunden? Tage? Wochen?

Kein Arzt und kein Mensch weiß es

Nur der Endspurt

der ist unausweichlich angebrochen



Gestern habe ich sie mit meiner Frau nochmal besucht

und dieses letzte bisschen von ihr

umarmte ich

und da war noch ihre Wärme

und nicht nur das Krebsfieber

und ich unterdrückte meine Tränen

und ich bin lange nicht so stark

wie sie



Christine

Monster Christine

wie sie sich scherzhaft selber nennt

Immer noch kämpft sie

auch wenn es aussichtslos ist

und gibt nicht auf

und ich wünsche mir nur

dass sie loslassen kann



Krebs ist ein Arschloch

und ihre Schmerzen unbeschreiblich

und nun ist da

eine wunderbare Frau

zum

Skelett abgemagert

aber immer noch lächelnd

und ich nehme sie in den Arm

und sage ihr:



„Christine

 du wirst immer bei uns sein.“



Ein Teil von Christine wird gehen

und wir werden trauern

aber in unseren Herzen wird sie immer weiterleben

und ich bin mir sicher

Sie will Einhörner und Kitsch

Und ganz viel Liebe

und ein tolles Leben

für uns alle



Auch wenn ich erstmal zusammenbreche

werde ich aufstehen

und an ihrem Grab Seifenblasen aufsteigen lassen

Ich bin mir sicher

dass sie genau das will



Christine:

Ich wünsche dir eine gute Reise

wohin auch immer



Wir lieben dich!


Wake Me Up When September Ends




Am 30ten September habe ich diesen Blogeintrag angefangen. Und die To-Do-Liste für die erste Oktober-Woche beschrieben.
Der erste Oktober war da noch freigehalten, um unseren 8ten Hochzeitstag zu feiern.
Und am 3ten Oktober wollten wir unsere Freundin in Köln besuchen, die auf einer Palliativstation ihr Leben beendet.
Ein Chat kippte diesen Plan um: Es war unsicher, ob sie noch bis Mittwoch lebt, so fuhren wir schon an unserem Hochzeitstag nach Köln.
Die Hinfahrt dauerte über drei Stunden aber der Besuch war sehr intensiv. Und für beide Seiten traurig, aber auch wichtig und richtig.
Jetzt sitzen wir wieder zuhause und zucken bei jedem Handyklingeln zusammen, warten auf die abschließende Nachricht und zittern und sind traurig.
Der momentane Plan der ersten Oktober-Woche sieht so aus:
-         01.10. Hochzeitstag, Christine à done
-         02.10. Zahnarztfahrt nach Herne (bei den Straßenverhältnissen zweieinhalb Stunden hin, eine Stunde zurück. 30 Minuten voller Panik den Autoschlüssel gesucht: Auf dem Weg zum Parkautomaten ist mir der aus der Jackentasche gefallen, eine nette Dame fand ihn und nahm ihn an sich und suchte das passende Auto, indem sie auf den Türöffner drückte. Ich suchte ebenfalls. In entgegengesetzter Richtung und immer meinen Weg ab. Glücklicherweise fanden wir uns dann. Beim Zahnarzt war das Ding dann nach ner viertel Stunde erledigt, aber der Tag im Arsch. à done
-         03.10. Geburtstag eines Pflegesohns von Gisela, blöderweise mit einer Frühstücksfeier. Und 09.30 Uhr ist schwierig, bei der Versorgung der dementen Gisela und unserer zwei Hunde…
-         04.10. Nachmittags kommt ein Kollege aus unserer Altentherapeuten-Weiterbildung, der am 05.10. auf Gisela und unsere Hunde aufpasst.
-         05.10. Hochzeit meiner Nichte, meines Patenkindes in Castrop-Rauxel.
Und Mann: Ich freue mich für Lisa!
Und natürlich feiern wir den Tag mit ihr und ihrem Mann!
Matsch Staff.
Ziemlich viel.
Dazu kommen ja noch Alltagskram und Schreiberei. Und Musik und Liebe.
Ich muss wach bleiben, ich muss fit bleiben.
Und ich liebe es.


Merkwürdige, aber absolute Musikempfehlung:
Theodor Shitstorm!
Dieses Pop (?) – Duo läuft bei mir in ziemlicher Dauerschleife (unterbrochen von Nick Cave, Robbie Williams und David Bowie, wegen meiner Gedanken an Christine…).
Musikalisch nicht besonders toll, gesangstechnisch eher Mittelmaß, ich könnte die abhaken. Aber da sind wunderbare Texte, die sich in die Melodien einfügen und ich entdecke bei jedem Hören neue Perlen.
Ironie, Poesie, massig Poesie und eine Leichtigkeit und Tiefe – all das auf einmal:
Hört euch das an, aber nicht als Hintergrunddudelei, sondern wirklich in Ruhe! Absolut geil!
Beim ersten Hören dachte ich: „Naja, brauch ich nicht…“. Beim zweiten Hören wurde ich hellhörig und beim dritten Hören musste ich mir die Platte runterladen.
In einer Woche werde ich sie mitsingen können.


Ich halte mich jetzt kurz bei meinen Gefühlen, Ängsten und Erwartungen an den politischen und gesellschaftlichen Zuständen in diesem Land und dieser Zeit.
Ich würde mich ansonsten nur auskotzen.
Ich will wieder Utopien und etwas, an das ich glauben kann.
Aber ich habe da nix.
Und es wird schlimmer werden.
Und ich bin dann wieder einfach nur resigniert…
Dabei will ich ja aufwachen und fit bleiben.


Jetzt habe ich noch ein paar Gedichte im Kopf und in den Fingern.
Und werde arbeiten, das heißt, schreiben und trinken und rauchen.


Hatte ich schon lange nicht mehr.


Lasst euch überraschen…




Sonntag, 23. September 2018

News vom Nirgendwo meines Schreibtisches




Es gibt wenig Neues
aber das Alte hat Bestand
& Situationen verschlimmern sich meistens
&
irgendwie kein Neuanfang in Sicht

Das schlimmste an bösartigen & psychopathischen Menschen ist ja
dass sie über Leichen gehen
& skrupellos sind
Ich erlebe es im machtpolitischen Kontext
& im privaten Umfeld

Ich dagegen
bin machtlos
& stehe zu meinem Wahnsinn
& bin stolz darauf


Zu Füßen an meinem Schreibtisch die zwei Hunde
sie sind tiefenentspannt & furzen
&
dieser Liebesbeweis stinkt mir

Ich bin selten böse
& vermeide Aggressivität
& wenn ich hasse
dann Menschen
die dies in mir auslösen
Ich möchte sie mit Liebe überschütten
& stelle immer wieder fest
dass Liebe an denen eh nur abprallt
& zu Boden rinnt

Keine Ahnung
wie so oft

Ich bin müde
über die ganze alte Scheiße
& kraftlos
gegen die neue Scheiße anzukämpfen
& ich nehme immer seltener die Sternschnuppen wahr
die ja auch noch vorhanden sind
… Ja

Mein Schreibtisch
die Musik & die Bücher in meinem Raum
geben mir Sicherheit
& manchmal ein kleines Stückchen Ruhe
Die Spaziergänge mit den Hunden
treiben mir ein Lächeln ins Gesicht
selbst bei Regen
& die Liebe meiner Frau
ist immer noch spürbar & warm & einfach großartig
& ich weiß:
Das lassen wir uns von niemanden kaputtmachen
Das bleibt

Tom Waits singt den Ramones-Song
„I don’t wanna grown up“
Ich hab vor nem viertel Jahrhundert in ner Deutschpunkband
„Ich will nicht erwachsen sein“ gesungen
Jetzt
Mit 55
bin ich wohl irgendwie erwachsen geworden
& erlebe
wie meine FreundInnen immer kränker werden
& ich einfach nur müde bin
keine Lösungen habe
& keine Kraft geben kann
Erwachsensein nervt einfach nur

News vom Nirgendwo an meinem Schreibtisch
Neue Bücher im Kopf
aber noch lange nicht auf Papier
Alltäglicher Wahnsinn
der schlaucht
Netflix & Sky statt Glotze
da die Satellitenschüssel immer noch nicht neujustiert wurde
Facebook als Nebenprogramm
& so lässt sich das ertragen
& immer noch keine Ahnung von Twitter & Co.
& ich weiß ja:
Ich müsste mich mehr verkaufen
Als Schreiberling oder Dichter sollte man das tun
Aber ich hab da keinen Nerv drauf
& im Moment eh keinen Nerven für gar nix

„Wake me up
when September ends“
Vielleicht ist es ja das

Wenig Neues von meinem Schreibtisch
ob das nun gut oder schlecht ist
weiß ich nicht
Die allzu schlechten Nachrichten würde ich eh für mich behalten

(Und jetzt gucke ich die Tagesthemen
& beende das lieber vorher …)