Freitag, 11. September 2015

Suizid-Prophylaxe






Ein Spaziergang unter dem Sternenhimmel
die Liebe meiner Frau
die Aufmerksamkeit, die unser Hund einfordert
die Dankbarkeit meiner Schwiegermutter
die Freude meiner Mutter, wenn ich mich (viel zu selten) melde
& die Gewissheit meiner Freunde
& ja – auch die Facebook-Kommentare

Autotherapeutisch putze ich meine Gitarren
& spiele bis meine Finger bluten
Die Farben stehen einsatzbereit auf der Spüle
& eine unbemalte Leinwand wartet auf meinen Einsatz
& ich schreibe ja nicht nur so nen Scheiß
wie diesen hier

Genug Sachen zu machen
Das ist ne Basis

Aber der Hauptgrund
weshalb ich den letzten Schritt noch nicht gemacht habe
ist die Angst
nicht vor dem Ergebnis
sondern vor der Tat

Ich weiß einfach nicht
wie ich es mache
ohne Schmerzen
für mich
& die Überlebenden

Ich bin ein Feigling
& das ist gut so



Donnerstag, 10. September 2015

Noch eins über Tod und Sterben






Vor m Tod habe ich keine Angst
Ich glaube
der Tod ist toll.
Ein langer tiefer Schlaf
so was wie Nichts
(obwohl: da Energie nicht verloren geht
sondern sich nur umwandelt
eben doch Etwas
bloß etwas ganz Anderes
was sich in unseren Worten nicht sagen lässt)
Vor dem Tod habe ich keine Angst.

Tod ist okay
Sterben kann scheiße sein

Dahinvegetieren stelle ich mir äußerst doof vor
Erstickungsanfälle hatte ich schon
- will ich auf gar keinen Fall nochmal erleben
Und Schmerzen sind eh für n Arsch

Ich kenne Sterbefälle
die haben einfach aufgehört zu atmen
und waren weg
Das fand ich schön und friedlich
Ich kenne aber auch Sterbende
die sich ans Leben klammerten
und im Kampf unterlagen
und
das tat beim Zusehen weh
und so
will ich auf keinen Fall abgehen

Ich habe viele Menschen sterben gesehen
und ich habe eine Nahtoderfahrung erlebt
Ich weiß für mich
dass ich da mitbestimmen will
und mir einen würdevollen Abgang wünsche
(Aber meine Wünsche gingen selten direkt in Erfüllung
und es liegt (noch nicht) in meiner Hand)

Was danach passiert
sollte mir egal sein
N bisschen Trauer fände ich okay
aber weiterleben wichtiger

Vielleicht lebe ich in den Gedanken meiner Lieben weiter
die würde ich dann umarmen und Wärme und Kraft senden
von woher auch immer
Vielleicht lebe ich in meinen Worten und ein paar meiner Texte weiter
Geile Vorstellung
aber ich habe keine Ahnung
ob das dann noch überhaupt eine Rolle spielt

Ne Abschiedsparty
- die will ich!
N Glas auf mich und zig Gläser auf das Leben
Und „Jenseits von Eden“ von den Scherben
(nicht mehr Cohens „Hallelujah“ –
das ist besetzt seit der Hochzeit meiner Nichte)
Meinetwegen ein paar Tränen
Hauptsache
die Hoffnung überwiegt

Und dann:
Passt gut auf Claudia und Aron auf!




Sonntag, 6. September 2015

Spontane und emotionale Freude!



Ist da plötzlich eine Wende eingetreten?
Hat es irgendwo Klick gemacht?
Wie kommt es, dass ich sowas wie Menschlichkeit und Zuversicht in diesem Land spüre?
Ich freue mich erstmal und bin ergriffen.
Und das darf ich genießen.

Nachdem wochenlang rassistische und braune Gewalttaten und unmenschliche Äußerungen und Demonstrationen mich und viele andere Menschen erschüttert haben zeigt dieses Land spätestens seit diesem Wochenende ein anderes Gesicht. Ein schönes.

Die Bilder vom Elend der Flüchtlinge, die unerträgliche ungarische Haltung und ein Bild eines toten Kindes an einem Strand (Ja. Ich glaube, dieses Bild spielt da eine wichtige Rolle…) haben einen Stimmungswandel ausgelöst.

Plötzlich ist da nicht mehr die Rede von diffusen Überflutungsängsten, sondern ein Ruck und ein gemeinsames „Wir schaffen das!“ ist zu spüren.
Künstler aller Sparten äußern sich gegen Rassismus und nennen das braune Pack endlich beim Namen.
Die Lohmeyers aus Jamel sind die neuen deutschen Helden. Verdientermaßen. Die Brandstiftung ihrer Scheune ging nach hinten los.
Die Toten Hosen solidarisieren sich und verschaffen dem Widerstand der Lohmeyers eine noch stärkere Öffentlichkeit und eine Welle der Solidarisierung.
„Schrei nach Liebe“ von den Ärzten stürmt nach zwanzig Jahren die Charts und setzt ein Zeichen.
Hasskommentare in den sozialen Medien werden angezeigt und – Oh Wunder! – es kommt sogar zu Polizeiermittlungen.
„Refugees welcome“- Shirts sind die neue Mode.
All das macht Hoffnung.

Die Bilder von den Bahnhöfen in diesem Land (ich nenne jetzt mal München – und gerade da hätte ich das nie erwartet – und Doofmund als Beispiele) lösen Tränen bei mir aus:
Die Flüchtlinge werden willkommen geheißen, eine wunderbare Wärme und Solidarität wird ihnen entgegengebracht und Dland steht plötzlich für etwas, was ich hier nicht mehr erwartet habe:
MENSCHLICHKEIT und SOLIDARITÄT.

Glaubt es mir, ich heule wirklich, während ich emotional bewegt dieses hier tippe.

Natürlich. Gestern Nacht war auch dieses Nazi-Pack in Doofmund. Und die Polizei wieder mal überfordert und taktisch auf der falschen Seite. Aber die knapp 30 Vollpfosten hatten keine Chance gegen über 1000 Flüchtlingshelfer.
Natürlich.
Die braune Brut ist nicht von einem auf den anderen Tag verschwunden. Wir müssen wachsam bleiben. Und bereit zum Widerstand.
Natürlich.
Wir dürfen nicht vergessen, dass die Politik und die Staatsmacht den rechten Terror jahrzehntelang ignoriert oder gar unterstützt hat.
Natürlich.
Die Schieflagen und Kriege in der Welt existieren weiterhin und damit wird das Elend der Flüchtlinge weitergehen.

Aber seit gestern habe ich dann doch wieder einen Hoffnungsschimmer und zumindest teilweise den Glauben an Menschlichkeit wieder gefunden.

Ich freue mich heute einfach mal.
Und tanze.
Und lache herzhaft.

Danke an all die Menschen, die mir das ermöglichen!

Freitag, 4. September 2015

Fertig...



Oh Mann!

Ich bin fertig.
Mein Gedichtband ist fertig.

Ich kann mich nicht erinnern, dass meine bisherigen Veröffentlichungen mich so ausgelaugt haben.
Vielleicht liegt es an diesem Sommer, der mich eh fertig gemacht hat.
An teilweise heftigen privaten Begleitumständen. An der Weltlage und meiner Wut und Sprachlosigkeit. Und dem Gefühl, dass meine Gedichte da einen Furz wert sind.
Vielleicht liegt es an gesundheitlichen Ängsten, die mich begleiten und verstärkt auftreten.
Keine Ahnung…

Jetzt muss mein armer Verleger sich damit rumschlagen. Nach seinem wohlverdienten Urlaub. (Die erste Mail mit Anhang sprengte schon mal den Briefkasten des Verlags…)
Und dann erscheint das Teil hoffentlich im November…



Ebenfalls im November wird „Ein Versuch: Die Liebe“ wieder erscheinen.
Mit Grafiken einer wirklich hervorragenden Künstlerin.
Als Chap-Book.
Mehr verrate ich da nicht…



Ab morgen schmeiße ich dann alle meine alten Textdateien vom Compi und speichere sie extern und beginne von vorne.
Das ist befreiend.
Schafft Luft.
Passend dazu scheint sich ja auch der Extremsommer zu verabschieden.

Und dieser Sommer hat mich wirklich fertig gemacht!

Ich fühle mich wie Lemmy, der vorgestern sein drittes Konzert in Folge absagen musste.



Was wirklich weh tut:

Ich habe Abschied vom Ruhr-Stadion genommen.
Mein Wohnzimmer, Block P-rechts, werde ich nicht mehr besuchen. Und Sitzplätze sind was für n Arsch, zumal meine Freunde dann nicht da sein werden.

Die Zeichen stehen verdammt gut für eine erfolgreiche Saison des VfL Bochum, vielleicht endlich sogar der Aufstieg, aber ich kann das einfach nicht mehr:
Nach dem letzten Stadionbesuch bei absolut idealen Bedingungen war ich drei Tage krank.
Ich muss lernen, meine Grenzen zu akzeptieren.




Ich schaffe es, mit meiner Frau möglichst harmonisch unser Leben zu meistern, ab und zu unsere Auszeiten vom Alltagswahn zu nehmen und zu genießen. Mehr geht nicht.

Die Partys müssen ohne mich stattfinden.
Schade. Aber nicht zu ändern.
(Dabei sind wir morgen zu einer Party in Köln eingeladen, wo wir eigentlich gerne hin wollen…)

Momentan kommuniziere ich wenn überhaupt mit meinen Freunden über den Computer.
Telefon hasse ich, am Compi kann ich mir meine Auszeiten so wählen, wie es am besten passt.
Und niemand sieht meine Schmerzen, meinen Sabber und mich.
Das ist irgendwo scheiße, das ist aber andererseits auch okay für eine Zwischenzeit.



Ich habe die neue Motörhead-Scheibe gehört. Und finde sie klasse.
Ich höre gerade die neue Public Image Ltd. Und finde sie spaßig.
Ich werde die neue Libertines, Slayer, Keith Richards hören.
Ich erwarte irgendwann ein  neues Peter Gabriel Album.

Ich habe kein Bock mehr auf Abschiede.
Lemmy (Oh Mann!), Leonard Cohen, Keith Richards sollen verdammt nochmal mir den Vortritt erlauben!

Aber ich will unbedingt einmal in meinem Leben ein Pearl Jam Konzert besuchen! Unbedingt!

Ganz zu schweigen, von den Zielen, die ich noch mit meiner Frau erleben möchte. Prag. Ein Urlaub am Meer. Unsere Liebe.

Also: Es ist noch viel zu früh, um abzutreten.









Sonntag, 30. August 2015

Ich hab keinen Bock über Faschismus zu schreiben 2015





Manche Gedichte werden mich wohl mein Leben lang begleiten. Das ist ähnlich wie bei Wecker und seinem grandiosen „Willy“.
Ich schrieb dieses Gedicht 1993, 1998 änderte ich Kleinigkeiten und veröffentlichte es in „Seifenblasen im Schädel“. 2008 erschien es dann in der Anthologie „Grind the Nazi Scum“. Jetzt haben wir Ende 2015 und zwischenzeitlich gab es den NSU-Skandal und weitere Morde und Straftaten. Und diesen Sommer ist es besonders schlimm. Ich werde es aktualisieren (die Liste der Orte des Grauens wird länger…) und poste es jetzt schon mal:


Ich hab keinen Bock über Faschismus zu schreiben



Ich hab noch immer keinen Bock über Faschismus zu schreiben

Nazis:

Ich will sie gar nicht wahrnehmen

und wenn

dann will ich sie eigentlich nur auslachen



Ich hab keinen Bock über Faschismus zu schreiben

Die Sonne durchbricht die Wolken

ein klarer Himmel taucht auf

Mein Kontostand ermöglicht mir eine Auszahlung und einen

dicken Einkauf

Die Verkäuferin an der Käsetheke grinse ich an

sie grinst zurück

und an der Kasse wünsche ich der Kassiererin

einen schönen Tag

und sie strahlt mich an:

“Sie sind heute der erste Kunde

der mich persönlich wahrnimmt”



Ich hab keinen Bock über Faschismus zu schreiben

In meinem Auto

der frisch gemahlenen Kaffee - sein Duft lässt mich schweben

nein, das ist kein billiger Werbesatz - das ist so

Und wieder zu Hause

schmeiße ich erst mal einen an

und grinse mir einen

während ich zu Doors-Melodien rumhüpfe

und meine Bude in Ordnung bringe…



Ich hab keinen Bock über Faschismus zu schreiben

Ich koche eine chinesische Reispfanne

und während des Anbratens

lese ich die Tageszeitung

und habe immer noch keinerlei Bock über Faschismus zu schreiben



Ich hab keinen Bock über

Faschismus, Rassismus, Sexismus, Stammtischpolitik,

Volkesstimme,

Deutschland, Italien, Frankreich, USA, China, Russland, Ungarn, Somalia, Libyen, Syrien, Afghanistan, Iran, Irak, Palästina, Nigeria,

Solingen, Mölln, Dresden, Rostock, Leipzig, Jena, Zwickau,

Dortmund-Dorstfeld, Bochum, Bad Kleinen,

Stuttgart Stammheim

zu schreiben

Ich denke an ihre Brüste, ihren Arsch, ihr Zwinkern,

Ich denke an ihre Augen, die mich angrinsen,

selbst beim Erwachen

das ist schöner

…



Scheiße

ich hab jetzt keinen Bock über Faschismus zu schreiben

aber

brennende Menschen

grölende Horden

Wut über Asylverhinderung und Abschiebung, was nichts anderes besagt als

Deutschland den Deutschen

und das Grundgesetz ein Scherz und

polizeiliche Übergriffe an der Tagesordnung und

eine Bundeswehr mit braunen Dreck an Springerstiefeln und

braune Modeläden in Rostock und anderswo und

Aufmärsche in Dortmund von der Polizei gesichert und

die mordenden Neonazis

natürlich alle Einzeltäter

und aus Dreizelgängern werden in Stunden Achtelgänger und dann

gibt es doch Verbündete und Netzwerke und plötzlich

taucht das unaussprechliche Wort auf:

Rechtsterrorismus (NSU 2011)

den es ja eigentlich offiziell gar nicht geben soll



Ich hab keinen Bock über Neonazis zu schreiben

Der Verfassungsschutz

schützt Nazis und V-Leute

bespitzeln sich gegenseitig

und ich bin gegen ein NPD-Verbot:

Verbote haben wir schon mehr als genug

was uns fehlt

ist ein Klima der Menschlichkeit

dann bräuchte man diese Hohlköpfe nicht verbieten,

sie würden irgendwann von selber in der Bedeutungslosigkeit verschwinden

da bin ich sicher



Antifaschisten leben hier und heute mit der ständigen Angst

vor Schlägen, Anschlägen und mehr

und jetzt (2015) brennen Autos und Scheunen und

Menschen mit Migrationshintergrund

(manchmal braucht es fürchterliche Worte)

meiden U-Bahnen oder betreten sie nur in Gruppen

Sogenannte No-Go-Areas

gibt es bald öfters als Fußgängerzonen



Faschismus und Neonazis hier in Deutschland

Jetzt

Nicht vor 80 Jahren



Damals wurden erst die Bücher

und dann die Menschen verbrannt

Heute läuft das raffinierter

und brennende Menschen

sind eher noch Schönheitsfehler vorschneller Aktivisten



Scheiße

Ich weiß kein Asylland für uns



Ich hab keinen Bock über Faschismus zu schreiben

würde Nazis viel lieber ignorieren

In Halberstadt verprügelten sie Schauspieler

einfach weil die anders aussahen

Die Polizei guckte weg

Zwei Freisprüche gab es für Aussageverweigerer

und nur einen Schuldspruch – ein politischer Hintergrund wurde ausgeschlossen

und die Morde an den ausländischen Mitbürgern

wurden in den letzten zehn Jahren auf die Mafia oder

Stammesfehden oder die bekannten Einzeltäter geschoben

bis die NSU auftauchte

und den Verfassungsschmutz entlarvte

und plötzlich landesweite Empörung regiert

Alleine der Begriff Döner-Morde

zeigt mir

in welch dunklen Zeiten ich lebe



Aber ich möchte ja gar nicht über Faschismus schreiben

Wenn ich ihn nicht täglich spüren würde

wären die Sternschnuppen dieser Nacht

ein viel schöneres Thema



Ich hab keinen Bock über Faschismus zu schreiben

Ich habe keinen Bock über Krankheit, Geldsorgen, Krieg und Politik

zu schreiben

Ich habe keinen Bock über Demokratie zu schreiben

es gibt genug gute Märchenbücher

und mittlerweile wird auch dem letzten Gutgläubigen klar

dass nur der Finanzmarkt die Macht hat





Ich habe keinen Bock

auf solche Gedichte

aber diese Themen hetzen mich durch den Tag

und dieses Gedicht wird

immer unpoetischer

weil wütender



Ich habe Bock über meine Frau und unsere Liebe zu schreiben

ich habe Bock

die Musik und den Rhythmus im Herzen zu beschreiben

Unser Hund oder die Reiher auf dem Dorfteich in Hiltrop

die gewaltigen Bäume im Park

- in ihren Rinden entdecke ich eingekratzte Hakenkreuze



Ich hab keinen Bock über Faschismus zu schreiben

vielleicht ist das ja wirklich

irgendwann nicht mehr nötig



Dann verspreche ich euch Liebeslieder

die

schreibe ich jetzt schon viel lieber