Mittwoch, 16. Januar 2013

Reha 7




Guten Morgen!
Letzte Reha-Woche, mich hat (wie die Hälfte der PatientInnen) eine miese fiese Infektion erwischt.
Selbst die Zigaretten schmecken nicht mehr, was ich gar nicht so schlimm finde, da der Raucherpavillon nun wirklich keinen Spaß macht.
Ich komme weniger als gehofft zum Schreiben. Arbeiten ist überhaupt nicht drin.
Heute also ein Frust-„Gedicht“:


Nach drei Wochen muss ich mich mal wieder auskotzen


In der Glotze läuft das Dschungel Camp
und ich frage mich
wie pervers unsere Gesellschaft geworden ist
um sich an so einen Dreck aufzugeilen
Aber das ist Begleitmusik
in meinem Film
in dem ich schreie
„Ich bin ein Mensch! Holt mich hier raus!“

Ich bin im Reha-Camp
in Bad Salzungen
und lebe meinen persönlichen Albtraum

Dabei durchlebe ich keine ekligen Grenzerfahrungen
mit Insekten, Schlangen, Ratten, Maden und ähnlichen Kindereien
sondern sehe die toten Augen und brüchigen Körper
von echten Menschen
die mich spiegeln und die mir näher sind
als die angeblichen Stars

Vom Dschungel Camp kriege ich geistige Albträume
Dabei:

Der wahre Alb
findet im wachen Zustand statt

Der wahre Alb
Morgens eine Schlacht am Frühstücksbuffet
und ich bin froh
wenn ich den Kaffee ohne Katastrophe in meinen Schlund bekomme
Mittags eine Mahlzeit (für ne Großküche gar nicht so schlecht)
die ich hoffentlich ohne Schluckkatastrophen runterbekomme
Nachmittags Abendbrot
das ich auf Quarkspeise reduziert habe
Die energiereiche Zusatznahrung
die ich alleine auf meinem Zimmer zu mir nehme
sorgt für Darmverstopfungen
das wird ausgeglichen durch die Durchfälle
die vom Antibiotikum ausgelöst werden
Der wahre Alb ist der Speisesaal mit über 250 kranken Menschen
immer wieder muss ich
voller Panik
beim Verschlucken über die Flure zu einem Klo rennen
um mich auszukotzen
Und hoffe
niemand bemerkt mich

Nein
Ich leide nicht an Bulimie
aber ich habe eine Ahnung
wie fürchterlich es sein muss

Die Anwendungen in der Reha sind wie die Spielchen beim Dschungelcamp
ich muss Unterschriften sammeln
um meinen guten Willen zu beweisen
Teilweise tuen sie mir wirklich gut
Teilweise sind sie aber auch nur Alibi-Therapien

Zum Beispiel werde ich bei Entspannungsmusik zum Amokläufer
da ist nix mit progressiver Muskelentspannung
Und Ergometertraining finde ich doof und sinnlos
Und Nichtrauchertraining zieht nicht bei mir
Da bin ich Therapieresistent

Der wahre Alb
Abends
leere lange Flure
wie bei Shining
und ich auf dem Weg in den Raucherpavillon

Ich habe nichts gegen die Menschen in der Reha
aber es sind nicht meine Menschen
und alt und krank bin ich eben selber

Ich bin ja nicht eingeknastet
höchstens halb
ich fühle mich aber so
Ich kann mich nur bedingt frei bewegen
und muss die Anwendungen durchziehen
bin getrennt von meinen Lieben
und zeitlich und räumlich extrem eingeschränkt

Zu allem Überfluss erwischt mich nun auch noch ne blöde Infektion
und ich bin zusätzlich ausgeschaltet

Hier nehme ich mehr Medikamente innerhalb dieses Monats
als in den letzten Jahren pro Jahr

Da is nix mit Rehabilitation
Das wirft mich 5 Jahre zurück
Und ich fühle mich nur noch elend und krank

Noch 8 Tage
dann habe ich das hinter mir
Ich werde nicht arbeitsfähig entlassen
Und
muss mich danach erstmal erholen

Freitag, 11. Januar 2013

Leichtes Leben ist halbes Sterben



Leichtes Leben ist halbes Sterben


Mein Maß ist die Maßlosigkeit
Ich kann nie genug kriegen
von allem

Ich will das volle Programm
Ohne Kompromisse
Das habe ich mir verdient

Balance auf dem Hochseil
mit zittrigen Gliedern
Ohne Netz und doppelten Boden

Ich habe es genossen
Mein Leben auf der Überhohlspur
Und wurde bitter ausgebremst
Okay
Zur Not
geht es jetzt auch auf dem Randstreifen weiter

Zumindest geistig schlage ich
weiterhin Purzelbäume
und stehe bei Konzerten in der ersten Welle
Ich tanze immer noch
Bloß nicht mehr so wild
und mit Schmerzen am nächsten Tag
Scheiß drauf!

Leichtes Leben ist wie halbes Sterben
und auch da buche ich dann später die volle Dröhnung
Irgendwann
Nicht jetzt
Und auch nicht morgen

So sieht es aus
So geht es weiter

Mein Maß
bleibt die Maßlosigkeit
Ich kann
und will
nicht anders

Soviel mal wieder dazu.

Reha 6



Folgendes schrieb ich vorgestern. Irgendwie hatte ich zu viele Anwendungen und kein Bock ins Cafe zu gehen, so dass ich es erst jetzt poste:


Scheiße!
Frust!
Es ist zum kotzen!

Meine Reha wurde um eine Woche verlängert.
Meine Weigerungsversuche wurden von 3 Ärzten mit wirklich überzeugenden Argumenten platt gemacht und zähneknirschend musste ich dann doch zustimmen.
Und so sitze ich jetzt hier.

Heimweh!
Sehnsucht!
Darf ein Mann um die 50 vor sich hin heulen?
Ich finde, ich darf…

So schlimm ist es ja auch gar nicht. Macht schon Sinn, bringt auch was.
Auch nach sechs Jahren, in denen ich autodidaktisch lernte mit dem Krebs umzugehen.

Bloß: Ich bin nicht Zuhause. Da, wo ich sein will. Da, wo ich hingehöre. Da, wo mein Herz ist.
Ich habe Heimweh. Vermisse Frau, Hündin und Freunde. Nehme mir vor, mich nach der Reha ganz intensiv um sie alle zu kümmern.
Schließlich haben sie mir mehr als einmal meinen Arsch gerettet. Es wird Zeit etwas zurückzuzahlen. Obwohl das eigentlich gar nicht geht.

Hier bin ich krank.
Viele meiner „Leidgenossen“ spiegeln mir die Krebsscheiße (mittlerweile hat sich der Altersdurchschnitt gesenkt, dafür ist der „Neck Discession-Anteil“ sprunghaft gestiegen und die „Tracheostoma-Fraktion“ nicht mehr in der Minderheit) direkt in die Fresse.
Ich werde mir meiner Krankheit wieder bewusster, werde auf meine Behinderungen aufmerksam gemacht, ich weiß nicht, ob ich das wirklich will und ob es mir gut tut.
Zuhause funktioniere ich halbwegs. Meine Freunde und meine Umgebung nehmen mich als Hermann wahr und haben gelernt, mich zu verstehen.
Hier geht es nur um Krankheiten.
Zuhause mache ich Lesungen und schreibe manchmal gar nicht allzu doofe Sachen und veröffentliche Bücher.
Hier muss ich mich 15 Minuten auf einen Ergometer setzen und bekomme Schmerzmittel und Lymphdrainagen und Logopädie und so was.
Schon okay.
Aber bringt das was?
Es bringt was, aber es zieht mich auch runter.
Ich will nach Hause.
Ich will mich wieder gesund fühlen, soweit wie das geht.
Das geht nur mit meiner Frau.

Euch liebe ich auch.
Nicht so wie Claudia, aber schon ziemlich doll.

Liebe funktioniert Zuhause, nicht in der Reha.

Noch 14 Tage…

Montag, 7. Januar 2013

Reha 5



Hier in der Reha komme ich automatisch zu solchen Gedanken:

Was ist Krankheit? Was ist Behinderung?
Unsere Gesellschaft und dieses Land sind krank und behindert, soviel weiß ich.
Mehr weiß ich nicht.
Jeder Mensch ist doch irgendwie krank, hat irgendeinen Makel oder irgendeinen Schmerz oder meinetwegen auch nur einen eingewachsenen Zehennagel. Eingewachsene Zehennägel können sehr wehtun, bei Diabetikern unter Umständen sogar zu Amputationen führen…
Behindert? Krank? Brauchen wir Definitionen?
Im Prinzip scheint es doch nur um eine Sache zu gehen: Funktionieren. Wer nicht funktioniert ist krank, behindert.
Ich scheiß auf diese Einstufung.

Seitdem ich sicht- und vor allem hörbar nicht mehr richtig funktioniere bin ich offiziell und eindeutig behindert und krank.
Bin ich auch, aber es ist mir nicht wichtig. Und in meinem privaten Umfeld ist das völlig egal, manchmal vergessen meine Menschen sogar meine Einschränkungen und überfordern mich. Dafür liebe ich sie.
Okay, wichtig ist es für meine Erwerbsminderungsrente. Und deshalb diese Reha. Und ausnahmsweise will / muss ich behindert und krank sein. Fuck.

Mein Lieblingsbeispiel:
In vielen Naturvölkern (auch wieder so ein Wort, dass unwohle Gefühle auslöst, ich meine es nicht diskriminierend, aber auch nicht verherrlichend!) gelten Epileptiker als „von den Göttern geküsst“ und werden besonders verehrt und beschützt. Finde ich geil.
Egal.
Manchmal benutze ich ja auch diese Begriffe und Einstufungen um Menschen zu beschreiben.

Politiker zum Beispiel sind durch die Bank krank: Sie haben ein gestörtes Sozialverhalten und ein übersteigertes Machtbedürfnis.
Das Merkel ist behindert: Unfähig, Fehler einzugestehen und die Wahrheit über die wirklichen Drahtzieher zu sagen (aber das sind alle Regierenden…).
Soviel dazu.


Noch n Wut-Thema: Vergewaltigungen.
Vergewaltigungen sind Scheiße und fürchterliche Verbrechen.
Immer. Überall.
Die aktuelle Protestwelle in Indien, ausgelöst durch eine besonders brutale Massenvergewaltigung, ist wichtig und vielleicht ein Zeichen für eine Sensibilisierung der indischen Menschen.
Aber verdammte Kacke nochmal, bei uns in Dland werden die Frauen vielleicht seltener ermordet, aber Vergewaltigungen und Ignoranz der Polizei und Diskriminierung der vergewaltigten Frauen und all die Scheiße: das gibt es auch bei uns!
Dieser überhebliche Blick auf das angebliche Entwicklungsland Indien kotzt mich an! Sowie jede Vergewaltigung.
Weltweit.



Es bleibt dabei, meine Reha endet am 17ten. Keine Verlängerung.
Gut so, vernünftig.
Und jetzt kann ich die restlichen 11 Tage entspannter angehen.

Ich habe mir ne blöde Zeit aufdrücken lassen, um Thüringen kennenzulernen. Es regnet oder nieselt ununterbrochen und es wird einfach nicht hell. Trostlos. Aber wahrscheinlich nicht nur in Thüringen, sondern überall in Dland.
Schön ist anders.
Zum Beispiel Schmalkalden: Ich glaube, der Ort ist wunderschön.
 Als meine Nichte und ihr Freund mich gestern befreiten und mit mir nach Schmalkalden fuhren kamen wir in eine wunderschöne Innenstadt, die leider menschenleer war. Zum Glück gab es ein nettes (und total warmes) Café, das wirklich geöffnet hatte.
So machte auch der gestrige Tag Spaß.


Sonntage in der Reha sind langweilig.
Immerhin, so entstehen die ersten sechs Zeilen eines neuen Gedichtes:

„Mein Maß ist die Maßlosigkeit
Ich kann nie genug kriegen
von allem

Mein Leben auf der Überhohlspur wurde bitter ausgebremst
Das ist schon okay so
Zur Not geht es auch auf dem Randstreifen weiter“

Ansonsten Gradierwerk, Schwimmbad, Glotze, Telefonate.
Und gleich das Bett.
Die Reha ist ja gar nicht so schlecht. Ich komme klar, habe mich eingewöhnt. Es gibt sogar Sachen, die ich genieße und die mir guttun. Aber ich ärgere mich über die Sinnlosigkeit des Ganzen. Und ich habe Heimweh.



Jetzt wird es schlimm.
Im Raucherpavillon dudelt ständig ein Radio. Und ich habe mich anstecken lassen und mag zwei Lieder, die mir sonst gar nix geben würden: Pink mit „Try“ und (wirklich – ich mag das!) Rihannas „Diamonds“.
Es wird Zeit, dass ich musikalisch wieder gesunde!


 So. Und jetzt bin ich auch platt. Und schicke das einfach so raus...
Ich erlebe nicht viel Besonderes, kann deshalb mal n paar Tage dauern, bis was Neues von mir kommt...