Samstag, 19. Mai 2012

Glitter and Doom


Glitter and Doom

(- Für die an Krebs erkrankte Frau, die mir die Tom Waits CD schenkte,
weil sie von meinem Roman angetan war: Danke!
- Für Kersten!
- Er wird es nie mitbekommen, trotzdem für Tom Waits.)


Es war Juli 2008
Tom Waits gab eines seiner seltenen Europa-Konzerte
im wunderbaren Grand Rex in Paris
und uns war es scheißegal
ob wir uns das leisten konnten
und ich besorgte die Karten und Kersten den Leihwagen und das Hotelzimmer
und so fuhren wir entgegen jeder Vernunft
in eine meiner Lieblingsstädte
um Tom endlich live zu genießen

Meine Krebsoperation war anderthalb Jahre her
ich hatte keine Zähne mehr im Mund
wog gerade fünfzig Kilo
aber ich hatte überlebt
und konnte von Tag zu Tag optimistischer sein
und von Überleben und Weiterleben und Leben sprechen
und das war ein Jahr zuvor eher unwahrscheinlich
also hatte ich zumindest einen Grund zu feiern

Direkt nach der OP hatte ich geschrieben
dass ich vor meinem Abgang meinen Roman fertigstellen
und ein Tom Waits Konzert live erleben wollte
Ich hatte schon einen Baum gepflanzt
- soweit ich wusste noch kein Kind gezeugt
aber das wollte ich auch nicht mehr
die Verantwortung konnte ich unmöglich übernehmen –
und ein Haus bauen fand ich immer doof
am Roman war ich dran
also blieb mir persönlich noch Tom Waits
Und zehntausend weitere Lebensziele

Anyway
Ich musste nur kurz überlegen
und fand mit Kersten einen Geistesbruder und Freund
der meinen Wahnsinn teilte
und merkwürdigerweise verstanden mich sogar die meisten anderen Freunde
bei dieser Wahnsinnsaktion
wenn auch die wenigsten Tom Waits mochten
- der ist schon speziell… -
und Ende Juli fuhren wir dann wahrhaftig los

Ich würde jetzt gerne mehr über die Fahrt
über Paris
über das wunderbare Grand Rex
und das wirklich tolle Konzert schreiben
aber all das ist im Nebel meiner Erinnerungen
unter dem Kapitel Überlebenskampf
versteckt
Ich komme da nur teilweise dran
Kersten und ich besuchten das Grab von Heinrich Heine
am Mont Matre,
das weiß ich noch
Wir trafen Karen eher zufällig in Paris
die gerade mit ihrem Freund einen Spanienurlaub beendete,
ich kann mich knapp erinnern
und Kersten schrieb einen Artikel über Tom Waits und Paris
aber ich weiß nicht mehr
für welche Zeitung und ob er veröffentlicht wurde
Ich glaube der Mietwagen war ein Fiat Panda
und der war gar nicht so übel
Und vom Hotel
kann ich mich nur noch an den kleinen Balkon
und meine Zigaretten erinnern
Ich glaube
wir hatten schönes Wetter

Das Grand Rex war ein wunderschönes altes Kino
und wir saßen auf unseren Logenplätzen
im samtenen Rot
und dann ging das Licht aus und der Spot an
und ein Magier betrat die Bühne
die wie ein alter Jahrmarkt hergerichtet war
und Tom war der Marktschreier
der Gaukler, der Geschichtenerzähler
und der Bänkelsänger
Mit Lucinda und Raindogs brachte er uns zum rocken
mit seinen Balladen ließ er uns schweben
und während er am Piano saß erzählte er kleine Anekdoten
die alle schmunzeln ließen
Gänsehäute bei Tom Traubert’s Blues und Innocent when you dream
das wir alle mehr schlecht als recht mitsangen

Meine Englischkenntnisse sind eingeschlafen
und waren noch nie die besten
aber Toms Amerikanisch ist leicht zu verstehen
und wahre Poesie kann Sprachbarrieren überwinden
und ich saß gebannt auf meinem Kinosessel
und unterdrückte ab und zu meine Tränen
und lebte

Wie kann ich die Stimme beschreiben
die meine Seele streichelte?
Wie kann ich die Ausstrahlung dieses kleinen Mannes
mit seiner großen Kunst wiedergeben?
Toms Stimme knarzte sich durch das Konzert
tiefes Bärengrummeln und manchmal
hatte ich beim Zuhören das Gefühl
eine selbstgedrehte Schwarze zu rauchen
und dabei einen alten Whiskey zu trinken
und auf einem gemütlichen Ohrensessel hinwegzugleiten
(Was komisch ist: ich trinke keinen Whiskey und rauche lieber Halfzware)

Zwei bis drei Stunden lang
vergaß ich meinen Krebs, meine Geldsorgen und meine Einsamkeit
die drohende Gosse erschien romantisch
und trotzig riefen wir mit Tom
Make it rain!
und fanden unser wahres Zuhause in der Musik
in einem Filmtheater in Paris
eben
Anywhere I lay my head

Ich habe einen Baum gepflanzt
Ich scheiße aufs Haus bauen
und ich habe hoffentlich und wahrscheinlich kein Kind gezeugt
Ich habe Bücher geschrieben
bin verheiratet
und ich habe Tom Waits live gesehen

Viele Helden durfte ich erleben
Keith Richards, Neil Young, Patti Smith, Rio Reiser, Herman Brood,
Justin Sullivan und New Model Army, Udo Lindenberg, Midnight Oil,
Depeche Mode, Die Toten Hosen, Die Ärzte, Green Day, U2, Robbie Williams,
Lou Reed, John Cale, immer wieder Peter Gabriel
und so viele weitere
Rock’n’Roll !!!
Ich habe Iggy Pop an der Schulter berührt
Wim Wenders hat mir mal bei nem Eels-Konzert auf den Fuß getreten
und ich bin mittlerweile mit der einzigartigen Claudia verheiratet
Eigentlich habe ich alles
was man im Leben erreichen sollte
Okay: mir fehlen noch Pearl Jam und die Foo Fighters
aber ich finde
Ziele sollte man immer haben

Was ich sagen und schreiben will
habe ich vergessen
Ich habe mich verzettelt
ich wiederhole: postkarzinome Demenz

Ach ja: Tom Waits

Klaus Märkert
(ein geiler Schreiber und mittlerweile Freund)
kam bei mir vorbei und brachte mir die Glitter and Doom - CD von Waits:
„Ein Geschenk meiner Nachbarin
ich habe der dein Buch geliehen
und die hat selber Krebs
und aus dem Buch auch Stärke und Lebensfreude gezogen
und weil sie den gleichen Musikgeschmack hat
wie du
möchte sie dir die CD schenken
Momentan muss sie eine Chemotherapie durchziehen
und so bedankt sie sich
für die Stärke
die dein Buch vermittelt hat“

Und ich wachse ins Unermessliche
(wie der Scheinriese bei Jim Knopf)
und bin stolz und freue mich und 
weiß wieder
warum ich schreibe

Mein Tom Waits Konzert
ist mittlerweile vier Jahre her
und ich lebe nicht nur weiterhin
sondern ich kämpfe
und liebe
und genieße das Leben
trotz meiner bescheuerten Behinderungen
die der Krebs ausgelöst hat
Ich sehe wie Gollum aus
aber meine Frau nennt mich
Blauauge und Babybär
und Magermops
und Schatzi
und dann ist das Leben einfach wunderbar

Was soll ich schreiben
Was soll ich sagen?
Dieses grässliche, wunderschöne, einzigartige und unerträgliche Leben
ist das Leben
das wir haben
und wir sollten das Beste daraus machen
auch wenn gerade das unsagbar schwer sein kann
Vielleicht ist es das
was ich immer wieder sagen und schreiben will

Zum Beispiel sitze ich jetzt am Schreibtisch
und höre die Soulsavers mit Dave Gahan
die erste Platte
die Dave nach seiner Krebserkrankung gemacht hat
und die ich mir sofort besorgen musste
Die Musik haut mich um
die Texte und der Gesang hauen mich um
und ich denke an die Nachbarin von Klaus
die ich hoffentlich mal kennenlerne
und mit der ich mich dann unterhalten werde
über Tom Waits, über das Leben
und auch - aber eben nicht nur - über unsere Krebserfahrungen

Ich denke an Kersten und an Tom Waits
und an meine Bekannte
die gerade aus dem Krankenhaus nach zwei Brust-OPs kam
und nun den Horror der Chemo und Bestrahlung vor sich hat
Ich denke an Judith
und wie wir bei Karen am Küchentisch saßen
und sie mir Hoffnung geben wollte
und voller eigener Pläne war
und es nicht geschafft hat
und – ach, Scheiße! –
Ich denke an Gerda und an den letzten Abend
wo ich sie nach einer Feier bei meiner Schwester nach Hause gefahren habe
und wir beide dachten
dass wir das Schlimmste hinter uns haben
und Gerda war voller Pläne und
so verarscht einen nur das Leben
und Gerda wird in meiner Erinnerung immer weiter leben

Ich schweife schon wieder ab
Kersten und Tom Waits
die Straßen und Cafes
und Friedhöfe
von Paris
Glitter and Doom
Manchmal
muss man unvernünftige Sachen machen
um das Leben in all seinen Zügen zu genießen

Du kannst den Frühling nicht aufhalten
und auch wenn der sich diese Jahr bisher eher mau präsentiert
er kommt
genau wie der Sommer
und der Herbst und der Winter
Bis zum Untergang dauert es noch ein bisschen
und deshalb sollten wir uns auch weiterhin Unvernunft,
Zuversicht und Lebenslust gönnen
auch wenn es schwer fällt

Wie kann ich dieses Gedicht beenden?
Mit einem Zug an der Zigarette
dabei stelle ich mir den kritischen Blick von Kersten vor
und die ermahnenden Kommentare meiner geliebten Frau
Ich beende es dann doch lieber
mit Seifenblasen, mit Glitzerkram und mit Purzelbäumen
die ich zwar nur noch in meiner Fantasie hinkriege
aber trotzdem täglich schlage

Und natürlich mit Waits:
You are innocent
when you dream
Und dieses Lied wird mich durch die Woche führen

Ich lege es Euch zu Füßen


Sonntag, 13. Mai 2012

Gimme more truth in Castrop-Rauxel


Gimme more truth:

Hermann Borgerding,
Moana Köhring und Daniel Nipshagen
(Teenage Angst Ensemble)


Hermann Borgerding liest Texte über den Krebs, das Leben, Vergänglichkeiten und Hoffnungen, irgendwo zwischen Rock-Rebellion, Blues und Ballade. Moana Köhring und Daniel Nipshagen, die beiden Schauspieler des Teenage Angst Ensembles lesen neue Texte, Rezitationen und Ausschnitte aus ihrem aktuellen Theaterstück „Das Haus“.

Mittwoch, den 16.05.2012, 20.00 Uhr,
5,-€ Eintritt

Bahia de Cochinos
Wittener Str. 122
44575 Castrop-Rauxel

Mittwoch, 9. Mai 2012

Kommentare zu meinem Blog


Ich liebe Kommentare und ich gebe mir in der Regel Mühe, sie auch zu beantworten. Manchmal ist das schwierig, vor allem, wenn sie anonym an meine Mailadresse kommen. Nein: ich werde keine Kommentare zensieren oder löschen. Dafür ist mir die Meinungsfreiheit zu wichtig und jeder Kommentar hat es verdient, unter meinem Blogeintrag zu stehen. Schon alleine wegen der Mühe der Tipperei.
Natürlich (ist doch menschlich, oder?) freue ich mich mehr über positive und liebe Kommentare. Natürlich nehme ich konstruktive Beiträge ernster.

Zwei negative Kommentare möchte ich hier nochmal posten und darauf antworten, sie sollen ja auch unter dem Blog nicht verlorengehen.

Heute schrieb mir „Lästerschwester“ folgendes Gedicht:

LästerSchwester9. Mai 2012 12:22
Gesundheit ist härter als der Tod

Wo wärest du heute ohne Krebs?
Wie wäre dein Leben, deine Kunst?
Wer würde dich kennen, wer lesen?
Wer würde dich lieben, wer verehren?

Krankheit erfordert Kampf
Todesnähe macht eigenwillig
Du hattest keine Wahl, Baby
Du warst verdammt zum Überleben

Nun bist du wieder gesund
Und der Zauber fällt von dir ab
Das Interesse an deiner Person
Schwindet mit deiner Genesung

Worüber reden und schreiben
sie, wenn sie dich erwähnen?
Krebs, Krebs, Krebs, Krebs,...
Sind das die berühmten 5 Minuten?

Hey! „Lästerschwester“ finde ich nun mal einen äußerst einfallsreichen Nickname! Und ein Gedicht als Kommentar finde ich klasse! Sich so viel Mühe machen! Chapeau!
Inhaltlich hat mich das Gedicht natürlich getroffen und verletzt, das sollte es ja wohl auch:
Interesse an meiner Person und an meinen Texten nur wegen dem Krebs? Dann habe ich ja Glück gehabt: bei Krebs gibt es nämlich keine Genesung und massig anhaltende Nachwirkungen. Sorry, Baby Lästerschwester! Auf meine Gesundung musst Du noch lange warten.
Verdammt zum Überleben war ich auch nicht, oder nur bedingt. Es gibt da durchaus ne freie Wahl, sich gegen das Überleben auszusprechen…
Und wenn über mich geredet oder geschrieben wird, dann taucht der Krebs oft auf. Klar. Gehört ja auch zu mir. Aber mindestens genauso oft wird meine Liebe zur Poesie, zur Musik und zum Leben erwähnt. Manchmal werde ich auch als Bochumer Arschloch, Hobby-Chauvie und Spinner tituliert – und das mag ich.
Ich weiß nicht, ob und was ich der Lästerschwester getan habe. Ich weiß ja nicht, wer dahinter steckt (aber ne persönliche Mail fände ich toll…).
Sie hat Recht, wenn sie sich beschwert, dass ich zu oft über meine Krankheit quengele und dass das nerven kann. Ich kann es aber leider nicht ausschließen und vermeiden.

Vor einer Woche erreichte mich folgender Kommentar, der anschließend auf Facebook für n bisschen Erheiterung sorgte:
das was ich laß, war nur bullshit ( 3 Zeilen)! lieben Gruß, gute Besserung... sagte mal Eine immer zu...

Ehmm… Ja…
Ich würde gerne ernsthaft darauf eingehen, aber ich verstehe es nicht.
Nach drei Zeilen aufzuhören zu lesen ist okay. Aber dann noch die Mühe zwei Zeilen zu tippen? Und was bitte soll „Eine immer zu…“ mir sagen?
Ich kannte mal Eine, die war immer zu. Und dabei äußerst nett und begehrenswert. Wobei mich das „immer zu“ dann doch eher abtörnte. Soviel dazu…

Mit Kommentaren muss und möchte ich leben. Und verdammt – ich bekam so viele aufbauende, positive und liebe Kommentare, dass es wirklich massig Spaß macht (Danke!!!). Einige anonyme Kommentare an meine Mailadresse sind wirklich heftig. Das hätte ich vorher nicht gedacht. Ich halte mich nicht für wichtig genug, dass man sich die Mühe macht, mir anonym eine Mail zu schicken, in der man mir die Pest an den Hals wünscht, weil ich eine rote Sau bin. Andererseits ehrt mich das auch.
Ich mache verdammt viel von mir öffentlich, dann muss ich auch damit leben, dass ein Feedback kommt. Ist völlig okay.
Was ich nicht verstehe: wenn ich Sachen lese, die ich nicht mag, dann lege ich sie beiseite. Aber ich mache mir nicht die Mühe, die Schreiber persönlich zu beleidigen.
Haben diese Menschen sonst nichts zu tun?
Anyway. Lästerschwester hat ihr Ziel erreicht: sie hat mich getroffen und betroffen gemacht. Und das mehr, als der oder die, die mir die Pest an den Hals wünschen…
Alleine das ist es Wert, dass dieser Kommentar hier steht und das ich mich nochmal öffentlich dafür bedanke!
Gute Nacht…

Dienstag, 8. Mai 2012

Prokrastination


PROKRASTINATION
(manchmal sollte man sich neue psychische Defekte zulegen…)

In mir ein Vulkan
ätzend brodelnde Lava
kurz vor dem Ausbruch
Sie wird verbrannte Erde erschaffen

Ich kriege es fantastisch geregelt
nichts geregelt zu kriegen
und die unerledigten Aufgaben aufzutürmen
zu einem Berg des Schreckens
den Sisyphos nie ersteigen kann

Prokrastination
könnte mein Lebensmotto sein
Schlagt es nach bei Wikipedia
ich erkläre es
frühestens morgen

Postkarzinome Demenz (Wow!)?
Ich habe es vergessen

Was, wann, wie passierte
ist in der Sinn- und Sein-Krise versteckt
und ich weiß eigentlich nur
dass ich verdammt wenig weiß

Wie ein Gewitter
Aber auch die windstille Schwüle davor
und der Regen und der Sonnenschein und natürlich
die abendlichen Glühwürmchen

Ein Vulkan oder ein Erdbeben
ein Tsunami
eine fürchterliche Dürre, Morgennebel
Windstille

Sehnsucht
nach allen möglichen Drogen
und Dauerrausch
oder Tiefschlaf – Koma

Zum Beispiel habe ich jetzt gerade das Gefühl
dieses Gedicht schon tausendmal geschrieben zu haben
Aber beim Klicken durch meine gespeicherten Sachen finde ich es nicht
wahrscheinlich habe ich es jedes Mal wieder gelöscht

Dieses Mal lasse ich es
überleben
vielleicht lässt es mich dann in Ruhe
und dann werde ich es veröffentlichen
aber
das hat Zeit
wenigstens bis Morgen



Prokrastination, Erledigungsblockade, Aufschiebeverhalten, Handlungsaufschub oder umgangssprachlich Aufschieberitis, ist das Verhalten, notwendige, aber unangenehme Arbeiten immer wieder zu verschieben, statt sie zu erledigen. Drei Kriterien müssen erfüllt sein, damit ein Verhalten als Prokrastination eingestuft werden kann: Es muss kontraproduktiv, überflüssig und verzögernd sein. (WIKIPEDIA)

Sonntag, 6. Mai 2012

Ami Go Home


Warum kann ich als gebildeter Europäer von den Vereinigten Staaten fasziniert sein?






John Steinbeck. Riesig!
Oder Henry Miller, Ernest Hemingway, Richard Brautigan, Burroughs, Ginsberg, Fante,
 Foster Wallace!
Ich liebe die Amis.
Tom Robbins, Matt Ruff, John Irving, Stephen King, Ken Kesey, Kurt Vonnegut.
All die großen Erzähler!
Andrew Vachss, Segal, Raymond Chandler, Paul Auster.
Ich könnte diese Liste unendlich verlängern!
Patti Smith, Jim Morrison, Lou Reed (ein Arsch! Na und!), selbst die
Musiker sind Poeten. Vielleicht liegt es an der fehlenden Kulturgeschichte
Vielleicht ist die ignorante Überheblichkeit
(höre Amerikanern zu, wenn sie über Europa sprechen – du kriegst das Kotzen!)
Triebfeder für eine unbekümmerte Leichtigkeit – keine Ahnung.
Vielleicht ist es das Land, die Weite, die
Vielfältigkeit, was weiß ich!
Andy Warhol konnte nur als Ami
Erfolg haben. Muhammad Ali ist
amerikanische Geschichte.
Das Hotel California und Venice und Altamont und Woodstock und Guantanamo
und Vietnam (das liegt doch in Amerika, oder?) und die Kennedys und auch Charles Manson.
Es fasziniert mich, ich gestehe.
Trotzdem will ich da nicht leben.
Ich liebe mein beschauliches kleines Land, von dem die Amis nur Schloss Neuschwanstein kennen. Und vielleicht die Mauer und Hitler.
Egal. Weiter.
Mc Donalds und Kellogs und die
Superhelden und Donald Duck und Marylin
und Lady Di (nee, das war England, aber die Story ist Amerika…).
Charles Bukowski
und
mit ganz viel Liebe und Solidarität und
immer noch Hoffnung
Mumia Abu Jamal.
Ich bin nicht der 51st State of America,
(das besangen schon New Model Army und bescherten sich so ein Einreiseverbot).
Aber ich gestehe: irgendwie
ist in meinem Hirn so was wie der 52st State. Oder so.
Sie haben mich nicht mit Kaugummi geködert, dafür bin ich zu jung.
Die verklemmte Sexualität, die verlogene Moral, die Blow-Jobs und die unzähligen Sekten und ihr dämlicher Patriotismus waren es auch nicht.
Es war das Kino, es war Hollywood. Es war die Rockmusik. Es waren die Outlaws und Outsider.
Und die Dichter.


Zum Glück haben die Amerikaner vom Fußball keinerlei Ahnung.
Sonst hätten die mich am Wickel.



Donnerstag, 3. Mai 2012

Schwarze Gedanken zum Ersten Mai


Erster Mai.
Quatsch: mittlerweile schon der dritte Maitag. Manche Texte dauern etwas länger.

Ich höre Konstantin Wecker, n bisschen Wader, Slime und Heiter bis Wolkig, massig Rio Reiser und TonSteineScherben. Meine Revolutionstraummusik. Oder so.
Ansonsten scheint da nicht mehr viel vom Revolluzzertraum geblieben zu sein. Und auch nicht vom Arbeiterkampftag.

Erster Mai 2012. Das Ganze ist so unbedeutend wie Christi Himmelfahrt. Eben ein freier Tag. Und noch nicht mal ein Brückentag. Prost. Und tschüss.

Zum Beispiel die Gewerkschaften. Probiere mal als Aushilfskraft oder Zeitarbeiter oder Arbeitsloser in eine Gewerkschaft zu kommen! Gar nicht so einfach!
Und eigentlich sollten doch Gewerkschaften gerade für die am meisten ausgebeuteten Menschen da sein! Ja scheiße…

Zum Beispiel die Sozialdemokraten oder die Grünen – ach, lassen wir das!
Zum Beispiel die FDP des Internets, ich meine die Piraten… Forget it!

Die Zerstrittenheit der Linken hat Tradition, jetzt grenzt sich Occupy gegen jegliche Militanz ab. Ich bin auch nicht militant, aber ich finde, die militanten und autonomen Kräfte auszugrenzen ist der größte Fehler, den eine Bewegung machen kann. Dann bewegt sich nämlich gar nichts mehr.

Ich kann mich erinnern, damals in meiner Jugend sangen Cochise:

„Und was uns jetzt noch trennt
von dem was man Freiheit nennt
unsre Zerstrittenheit
die sind wir längst schon leid…“

Ja.
Ich hab keinen Bock auf Zerstrittenheit und Spalterei. Aber ich glaube, es ist heftiger, als je zuvor. Und irgendwie verliere ich die Hoffnung.

Gibt es eine fortschrittliche Zukunft? Ich befürchte nicht.
Und damit sehe ich dermaßen schwarz für überhaupt eine Zukunft, da ist das punkige No Future noch äußerst zuversichtlich gewesen!

Deutschland geht den Bach runter, auch wenn es als Vorbild für Europa gehandelt wird.
Niedriglöhne, Zeitarbeiten und kaum eine Familie, die mit einem Einkommen auskommt. Und während die Konten halbwegs funktionieren verkümmern die Seelen.
Und die Kids sprechen nicht mehr, sie verschicken SMS und kommunizieren ihre Belanglosigkeit über Facebook, da sieht niemand die Tränen und die Verzweiflung.
Und ich sitze am Computer und grabe mich in meine wohlfühlige Ehe ein. Das ist schön. Das habe ich mir verdient. Trotzdem werde ich mein schlechtes Gewissen und mein schlechtes Gefühl einfach nicht los. Ich werde in zehn Tagen wählen gehen (schließlich haben sich unsere Vorfahren für dieses Recht foltern und abschlachten lassen), obwohl ich weiß, dass Wahlen nicht wirklich was ändern. Und ich weiß, wo ich mein Kreuz mache.
Ob ich damit den jungen Menschen in Spanien, von denen mittlerweile jeder Zweite arbeitslos ist, helfe, bezweifele ich.
Nein – ich weiß – das ist nicht strukturiert, nicht klar analysiert, vielleicht zu platt und auf jeden Fall zu schwarzmalerisch. Trotzdem ist es leider wahr. Und leider nicht geil.

Eine Revolution ohne Lachen und Tanzen ist für mich von vornherein zum Scheitern verurteilt.
Eine Zukunft ohne Liebe ist keine Zukunft.

Geld kann man nicht essen. Von HDTV wird kein Mensch satt.
Wärme ist in den seltensten Fällen eine Frage der Temperatur.
Was braucht der Mensch zum Menschsein?

Trotzdem haben die es noch nicht geschafft:
Ich weigere mich, die Hoffnung aufzugeben.
Ich tanke Kraft, Wärme und Liebe in den Armen meiner Frau, wenn sie von der Arbeit kommt.
Ich genieße das wachsende Grün und lasse mich von Wolf Biermann immer wieder bereitwillig ermutigen.
Ich schmelze dahin, wenn Jack White singt und Gitarre spielt. Ich warte sehnsüchtig auf die neuen Platten von Patti Smith und Neil Young und Crazy Horse.
Ich werde mit Claudia im August an die Algarve fahren und ich sehe im Sommer endlich Placebo live.

Ich bin bei meinen Freunden und Freundinnen und ihren privaten Problemen und Fesseln. Ich will ihnen Kraft geben, aber ich finde momentan für mich selber kaum Kraft genug. Vielleicht spüren sie ja wenigstens ein bisschen, dass ich in Gedanken bei ihnen bin.

Ich nicke zu den Worten von Ron Hard, Ingvar Ambjörnsen, Sven-Andre Dreyer, Kersten Flenter und Klaus Märkert und freue mich, demnächst endlich wieder einen neuen Gedichtband von Urs Böke in den Händen zu halten (Hau rein, alter Essener!).

Gibt es die Frühjahrsmüdigkeit?
Gibt es den Revoluzzer-Blues?
Ich kämpfe mit meinen depressiven Anfällen, versuche eine wirkliche Depression zu vermeiden. Schreibe ein Gedicht über diesen Kram:

Paint it black – oder:
Warum sollte ich schwarz malen wenn eh schon alles duster ist?

Vielleicht ein Gruselkabinett und eine Geisterbahn
und ich bin der Kinderschreck
der aus einer dunklen Ecke guckt
und keinen Spaß mehr daran hat
die Menschen zu erschrecken

Vielleicht ein kleiner Wanderzirkus
und ich bin der Clown
der beim Abschminken vor dem Spiegel feststellt
dass sich die Schminke ins Gesicht gebrannt hat
und nicht mal durch die Tränen zerfließt

Vielleicht eine manisch-depressive Achterbahn
und ich bin gerade
auf der Fahrt bergab

Vielleicht dieses Land oder diese Stadt oder der VfL
den ich eigentlich nicht mehr erwähnen wollte
Draußen wird es Frühling
und mir scheint
das sollte mir was sagen
Aber ich
sage zu allem
Scheißegal
und weiß
dass es das nicht ist

Vielleicht eine Midlife-Crisis
aber eigentlich hatte ich mir die
um meinen 30ten Geburtstag genommen
und der ist ein paar Jahre und Katastrophen her

Vielleicht die globale Weltlage
oder all diese Idioten
die sich so toll finden
und alles noch viel schlimmer machen
und einfach mal ihre Schnauze halten sollten
wenn sie keine Ahnung haben

Vielleicht
sollte ich das jetzt auch tun


Ach Mensch! Ich weiß doch auch nicht!
Tut mit den Gefallen und habt Euch lieb!
Und glaubt an Euch, wenn es schon kein anderer tut!
Den Mächtigen sind wir scheißegal.
Dann sollten uns auch die Mächtigen mal am Arsch lecken können!

Ich glaub, dass ist jetzt der richtige Moment, um meine düsteren Erster-Mai-Gedanken zu beenden…