Freitag, 20. April 2012

Da hat der Islam aber Glück gehabt!


Da hat der Islam aber Glück gehabt!

Unbestritten:

Die Herren Kauder und Friedrich
sind Teile unserer Tradition und Identität
und gehören somit zu Deutschland.

Der Katholizismus und die missbrauchten Kinder auch.
Der Faschismus auch.
Die Bild-Zeitung ebenfalls.

Und Bratwürste
Sauerkraut und Eisbein
Bier und dünner Kaffee und
deutsche Schäferhunde mit kaputter Hüfte

Nach Kauder und Friedrich
gehört der Islam nicht dazu

Das wäre für mich ein Anreiz
zum Islam zu konvertieren

Mittwoch, 18. April 2012

Die Nachtschichtsuche der Dichter


Die Nachtschichtsuche der Dichter 

Ich weiß
dass Dichter gelesen werden wollen
und Anerkennung brauchen
und dies nur dann verleugnen
wenn sie es nicht haben
Und ich weiß
dass die guten Dichter immer an sich zweifeln
und besser werden wollen
Sie sind ihr Leben lang auf der Suche:
nach dem perfekten Gedicht
dem perfekten Text
der alles genauso sagt
wie sie es ausdrücken wollen
Einen Text
der die Worte zum Tanzen bringt
und die Leser zum Nicken und zum Weinen und zum Lachen zwingt
Einen Text
den es so nicht geben kann
(Vielleicht „Howl“, aber das „vielleicht“ sagt schon,
dass Alan Ginsberg dem halt nur Nahe kam)

So sitzen sie
an ihren Schreibtischen und Computern
(Nein: es sind nicht mehr
 die manuellen Schreibmaschinen, es sind
 auch nicht
 die Notizzettel oder gar
 das vollgeschriebene Toilettenpapier…)
und schreiben Tage und Nächte
wie im Rausch
(und nicht selten ohne „wie“)
und sind dabei in den besten Momenten
alleine und ganz für sich
und egal wie nah die Lieben oder andere Menschen sind
- nie werden sie ganz zu ihnen durchdringen
und nie werden sie ganz verstanden werden

Im Idealfall entsteht dann ein Text
der ein bisschen Wärme schafft
oder ein Nicken entlockt
Vielleicht schafft dieses Gedicht das ja auch
Zumindest schafft es Platz
für neue Texte
und damit
habe ich einen kleinen Teil meiner Nachtsitzung erfolgreich überstanden

Was vor am 16.05.?


Gimme more truth:

Hermann Borgerding,
Moana Köhring und Daniel Nipshagen
(Teenage Angst Ensemble)


Hermann Borgerding liest Texte über den Krebs, das Leben, Vergänglichkeiten und Hoffnungen, irgendwo zwischen Rock-Rebellion, Blues und Ballade. 
Moana Köhring und Daniel Nipshagen, die beiden Schauspieler des Teenage Angst Ensembles lesen neue Texte, Rezitationen und Ausschnitte aus ihrem aktuellen Theaterstück „Das Haus“.


Hermann Borgerding  Geboren im Jahr der ersten Stones-Single in Castrop-Rauxel.  Für immer Ruhrpott & Vfl Bochum. Studium und zahlreiche Jobs. Krankenpfleger. Behinderter Frührentner. 2007 Ausbruch von Mundhöhlenkrebs, literarisch dazu seine jüngsten beiden Buchveröffentlichungen: Mein Mittelfinger dem Krebs (Gedichte)  sowie Ausgehöhlt – Im Krebsstrudel (Roman), beide Edition PaperOne.
Borgerding schreibt authentisch. Sein Motto: Das Leben ist scheiße. Das Leben ist wunderbar.
Hermann Borgerding bringt dies in seinen Gedichten, Texten und Blogs rüber.
Ein Dichter, ein Hofnarr, ein Sänger ohne Stimme.
Und seine Lesungen sind immer wieder Erlebnisse der besonderen Art.
Moana Köhring ist Ostwestfälin! Seitdem sie 1987 beim Weihnachtsmärchen der Mädchenjungschar Vilsendorf wegen ihrer schon damals sehr langen, dunkelbraunen Haare als „Schneewittchen“ besetzt worden war, wollte sie die Bühnen der Welt erobern. Sie hat zehn Jahre klassischen Klavierunterricht hinter sich gebracht und Udo Lindenberg für ein Autogramm geküsst. Den ersten Auftritt vor großem Publikum hatte sie trotz aller Bemühungen erst 1999, als sie auf dem Alten Markt in Bielefeld vor mehr als 1000 Menschen eine Rede anläßlich des CSD hielt. Als Souffleuse im knappen Kleidchen saß sie bei Heiner Müllers Quartett im Stadttheater Bielefeld auf der Bühne. Moana Köhring hat düstere Erinnerungen an Callcenter und spricht ein bisschen Schwedisch, für den Fall, dass sie wieder mal nach Stockholm auswandern möchte. Ihre Zwischenprüfung Magister schloss sie im Fach Philosophie zum Thema „Gerechtigkeit in der Organallokation“ mit der Note Eins ab und schmiss ihr Studium daraufhin, um die Vorteile einer eigenen Bühne in der BASTION zu nutzen.
Daniel Nipshagen wurde in Hattingen geboren, hat diese Stadt danach aber nie wieder betreten. Stattdessen sitzt er seitdem im wenige Kilometer entfernten Bochum fest. Mit 10 Jahren stand er in „Der Nusser“ von Franz Xaver Kroetz zum ersten Mal auf der Bühne des Schauspielhauses Bochum. Wegen der obszönen Inhalte hielten sich Eltern und Großeltern im Publikum Augen und Ohren zu. Jahrelang sang Daniel Nipshagen im Bochumer Kinderchor – die dort erworbenen Kenntnisse missbrauchte er in der Pubertät als Sänger und Bassist der Thrashmetal-Band Katyn. Später verließ er die Uni noch vor Ende des Grundstudiums Germanistik, Geschichte und Anglistik, arbeitete mit Behinderten, psychisch Kranken und jugendlichen Obdachlosen, gründete den gemeinnützigen Verein no-budget-arts, dessen Vorsitzender er in der Folge jahrelang war, jobbte im Callcenter, lockte bis zu 5000 Besucher zu subkulturellen Events in leerstehende Bochumer Geschäfte, machte eine GmbH im Bereich Kulturwirtschaft auf, um sie schnell wieder zu schließen, schrieb Kurzgeschichten und Drehbücher, drehte Kurzfilme, arbeitete als Sprecher und DJ.
Seit 2007 verschmilzt das Teenage Angst Ensemble auf der Suche nach der Weltformel Texte, Bilder und Sounds zu Geschichten und bringt diese auf die Bühnen des deutschsprachigen Raums. Da es die Weltformel eher auf der dunklen Seite des Mondes vermutet, beschäftigt sich das Teenage Angst Ensemble besonders gerne mit den Abgründen der Seele. Neben wechselnden Gästen besteht es im Kern aus Moana Köhring und Daniel Nipshagen.

Mittwoch, den 16.05.2012, 20.00 Uhr,
5,-€ Eintritt

Bahia de Cochinos
Wittener Str. 122
44575 Castrop-Rauxel



Montag, 16. April 2012

Ich liebe sie (again...)


Ein Klassiker.
Ich glaube, ich habe dieses Gedicht auch schon in meinem damaligen YouTube-Blog gehabt. Aber ich habe viele neue LeserInnen. Und da ich mich seit kurzem auch mit einer engagierten Pflegeaktivisten-Gruppe verlinkt habe dachte ich mir, es wäre Zeit, dieses Gedicht erneut zu posten. Sorry, wenn Ihr es schon kennt (es ist auch in meinem Gedichtsband „Mein Mittelfinger dem Krebs“).
Das einzige Liebesgedicht, bei dem meine Frau nicht eifersüchtig wird, obwohl es nicht über sie ist:



Ich liebe sie

Ihre Augen sind voller Leben und strahlen
mich an
Wenn sie lacht dann steckt das an
und wenn sie weint
kannst du gar nicht anders als sie zu trösten
97 Jahre ist ne hohe Hausnummer
und seit drei Jahren hat sie ihr Bett nicht mehr verlassen
aber wenn ich ihr Zimmer betrete grinst sie mich an
- Da bist du ja. Ich habe schon so lange gewartet
Ich begrüße sie und
manchmal erkennt sie mich sogar
und nennt mich bei meinem Namen
Dann fangen wir auch schon an
zu streiten
- Immer diese Trinkerei – ich bin doch kein Brauereipferd
- Die Emmie hat mich gerade gewaschen
- Tu mir nicht weh
- Ich spuck dir das Essen auf dem Teller
- Tu mir nicht weh
- Scheiß eincremen – lass das sein
Und so weiter
Zwischendurch singt sie
fragt mich nach meiner Frau (Kollegin), meinen Töchtern (Schülerinnen) und
ihrer Mutter und ihrem Mann
Man sagte mir, sie sei dement und völlig neben der Spur aber
so ganz stimmt das nicht:
sie mag mich, nennt mich ihren Liebling und
das ist für mich Beweis genug
dass sie völlig klar im Kopf ist
Sie lebt halt in ihrer eigenen Welt
irgendwo tun wir das doch alle und
sie hat es sich verdient und darf das

Sie kann tierisch nerven
und ist zickig und manchmal ganz schön arschig
und wenn ich ihr das Essen anreiche ist das Folter
- für mich – weil es viel zu lange dauert
und ich doch noch weiter muss
dann fragt sie
- Hast du schon gegessen? Ich hole uns Kuchen
und meistens ist dann auch schon wieder alles okay
Ihre Haut ist wie Pergament
und reißt sehr schnell ein, ihre chronischen Wunden lassen uns verzweifeln
und jede Bewegung schmerzt
aber dann kommt wieder so ein trockener Satz von ihr
und spätestens wenn ich gehen will verlangt sie ein Küsschen und
wenn ich dann gehe
weiß ich wieder
warum ich diesen Job mache



Freitag, 13. April 2012

Freitag der 13te


Freitag der 13te und ich Trottel habe mich mal wieder an die (Aus-)Sortierung meines CD-Regals begeben.
Das ist immer eine Tagesaufgabe. Und ich verzweifele, weil ich nicht weiterkomme.
Es gibt so viel gute Musik, aber ich habe irgendwann mit meiner Frau den Kompromiss gefunden, mich auf ein überfülltes Billy-Regal zu beschränken (und dabei natürlich noch n bisschen zu mogeln und n paar CDs woanders unterzubringen).
Und jetzt blicke ich wieder nicht durch. Und weiß noch nicht, was letztendlich in einer Curver-Box im Keller landet.
Zum Beispiel David Gray, Bad Religion, Marianne Faithfull, Fatboy Slim, Gang of Four: eigentlich viel zu gut für den Keller. Aber ich höre sie selten. Also weg damit. Schließlich sind sie ja auch noch auf der Compi-Festplatte. Leute, das ist eine wirklich schwierige Aufgabe!

Und dann kamen da heute noch zwei Cds bei mir an: Elvis Costello and the Imposters – „Spectacular Spinning Songbook“ und Die Ärzte –„auch“.
Wow!  Zwei Spaß machende Aufnahmen!
Costello and the Imposters ist eine knallige Liveaufnahme von 2011. Nie klang eine Schweineorgel schweiniger und geiler! Und die Gitarren! Und Costello! Und als (überflüssige) Zugabe noch die Bangles live dabei! Klasse!
Und die Ärzte können tun, was sie wollen: sie werden einfach nicht erwachsen. Und das im äußerst positiven Sinn von Spaß in den Backen und trotzdem nicht doof. Musikalisch sind sie längst den Stufen des Prollpunks entwachsen, textlich sind sie vordergründig ne Fun-Band, hört man aber genauer zu, dann sind sie wesentlich philosophischer und politischer als viele Betroffenheitsbekenner. Ich liebe diese Band einfach! Und „auch“ ist auch geil. Nicht so abwechslungsreich wie „Jazz ist anders“, nicht so experimentierfreudig wie die MTV-Unplugged-Aufnahme „“Rock n Roll Realschule“, aber immer noch Klassen besser als all die Newcomer.
Musik macht Spaß.

Bücher machen auch Spaß. Und an erwähnenswerter Literatur gibt es auch viel zu viel. Massig gute Sachen, auch viel Scheiße. Ich habe gerade Sven-Andre Dreyer für mich entdeckt. Wow! Der Typ schreibt klasse und ich hoffe, ihn demnächst mal irgendwann kennenzulernen (rezensiere ihn aber erst, wenn sich meine Begeisterung n bisschen gelegt hat. So viel Lob würdet Ihr mir nämlich nicht abnehmen).
Und ich lese gerade den letzten Stephen King (ich will schließlich mal all die Klischees durchbrechen – ich steh da drauf!) und bin gefesselt.

Dann ist da noch eine Sache, die ich nicht so ganz verstehe. Eine Perle, die scheinbar niemand entdecken will:
Metta Victor (1831-1886) schrieb ein anarchistisches Lausbubentagebuch über (nee, als) Georgie Hackett und wurde damit weltweit berühmt. Um den Jungen, seiner Wahrnehmung und seiner Erzählung gerecht zu werden schrieb Victor im heftigsten amerikanischen Slang. Mit Orthografie- und Grammatikfehlern, ohne Satzbauregeln und mit Neologismen, die jedem Sprachpuritaner die Zehennägel aufdrehen lassen. Damit aber äußerst authentisch und voller Humor.
Ni Gudix aus Berlin übersetzte dieses Werk genial und der erste Band erschien bei „Killroy media“  und erntete massig Lob.
Zugegebenermaßen ist die Schriftsprache gewöhnungsbedürftig. Aber wenn man sich darauf einlassen kann, dann ist es klasse. Und ich werde nie verstehen, wie Übersetzerinnen so eine Arbeit freiwillig leisten können mit dem Wissen im Hinterkopf, dass ihre Maloche nie gerecht belohnt wird.
 Aber wo verdammt noch mal bleibt die Fortsetzung?
Scheinbar traut sich da kein Verlag ran, von der Übersetzerin habe ich erfahren, dass der Hanser-Verlag den Text als „unlesbar“ zurückschickte.
„Unlesbar“? Das war James Joyce und Finnegans Wake angeblich auch. Und unübersetzbar. Genau wie „Unendlicher Spaß“ von David Foster Wallace.
Unlesbar finde ich die Bild-Zeitung (ein anderes Thema, weiter unten…).
Unlesbar ist ein Totschlagargument, dass schon viele Weltliteraten getroffen hatte. Zum Glück haben die nicht aufgegeben.
Ich fand den ersten Teil „Tagebuch von nem Schlingel“ gewöhnungsbedürftig und schwer lesbar. Aber klasse. Und mutig. Und war stolz und ergriffen, von der Übersetzerin in den Danksagungen erwähnt zu werden.
Und frage mich, welcher Verlag nun endlich genug Eier in der Hose hat (sorry, manchmal packt mich immer noch das Fußballerdeutsch), diesem Werk eine Chance zu geben.

Die Bild-Zeitung hat Geburtstag und wird 60. Kein Grund zum Feiern und kein Grund zu Gratulieren.
Nee: ich begründe das jetzt nicht. So doof sind meine LeserInnen nicht. Ich habe und werde mir nie dieses Drecksblatt kaufen und scheiße auf Argumente, wie zum Beispiel, dass der Sportteil immer aktuell und umfangreich sei.
Zum Geburtstag soll nun jeder Haushalt in Dland eine Bild in den Briefkasten bekommen. Ich habe heute schon meinen Widerspruch per Mail an diesen Springer Verlag geschickt. Kann ich Euch nur empfehlen: Über campact könnt Ihr Euren Widerwillen ausdrücken und die Bild n bisschen ärgern…

Freitag der Dreizehnte. Claudia in den Wechseljahren. Nein, ich werde nicht deutlicher, es reicht, dass ich bei meinem eigenen Empfinden stets die Hosen runterlasse. Meine Frau gehört mir. Und sonst niemanden (Quatsch: Sie gehört sich selber! Mir gehört mein kleines Konto mit +/- Null und meine CDs und Bücher, sonst aber fast nix. Und schon gar nicht irgendein Mensch. Und schon gar-gar nicht meine Liebe!)!
Anyway. Claudia liegt im Bett und ich sitze am Schreibtisch. Dr. John („Locked down“ ist übrigens auch total klasse) über die Ohrstöpsel, ein Bier, einige Zigaretten und ein sich füllendes Word-Dokument.
Unsere Hündin will gestreichelt werden. Wird sie, auch wenn sie mir gestern beim Tierarzt in ihrer Panik beinahe mein Schultergelenk kaputt gemacht hat (Mann! Maya wiegt 33 Kilo, ist stark und fit und hat nach ihrer Krebs-OP  tierische Panik beim Tierarzt, dabei gab es nur eine Spritze. Und ich kleiner, alter Mann musste sie in den Behandlungsraum und auf den Tisch zerren, dabei ist mein Widerwillen gegen Ärzte jeglicher Fachrichtung (meine persönlichen Erfahrungswerte) mindestens so groß wie ihre instinktive Angst!).

Auf meinem Bildschirm sind fünf Dokumente gleichzeitig geöffnet und in Arbeit.
Zu viele für mein postkarzinomes Demenzhirn.

Und tschüss!