Samstag, 14. Januar 2017

10 Jahre





Ja. Jubiläum.
Ein Jubiläum, mit dem ich nie gerechnet hätte, mit dem niemand gerechnet hat, der mich zu der Zeit kannte.
Das fing vor 10 Jahren an mit der Diagnose.
Noch vorsichtig der Zahnarzt, der mehr gesehen hatte, als er mir sagte und mich sofort zur Mund-, Gesichts und Kieferchirurgie nach Bochum-Langendreer überwies.
Dort dann eine Inspektion meines Mundraumes, dann geflüsterte Wort und dann ein „Moment, wir rufen einen Oberarzt.“.
Und dann die sofortige stationäre Aufnahme, die ich noch drei Tage hinauszögerte (es war Wochenende).
Schlagartig wurde es mir klar: Deshalb war ich seit einem Jahr ständig müde, nahm immer mehr ab und hatte keine Power mehr. Krebs.

Dummerweise checkte ich sofort im Internet, was ein Mundhöhlenkrebs, ein Plattenepithelkarzinom, genau bedeutete.
Ich las eigentlich eine Art Todesurteil.

Das erste Jahr mit dem Krebs, die Operation, das Erwachen als Krüppel, die Schwächeanfälle, der Horror der Bestrahlung, die Suizid-Gedanken, das TROTZDEM und die Unterstützung meiner FreundInnen und all das habe ich in meinem Roman „Ausgehöhlt“ beschrieben.
Und vieles davon begleitet mich noch immer.

Ich kämpfte.

Ich lernte die Liebe meines Lebens kennen und heiratete.
Ich liebte und ich lebte.
Und ich hatte geile Momente mit FreundInnen und ich veröffentlichte Bücher und präsentierte mich sogar wieder öffentlich und ich hatte (mäßig, aber für mich übermäßig) Erfolg und Anerkennung.
Ich war ein Krüppel. Aber ich konnte mit den Implantaten und dem Gebiss leben, hatte sogar wirklich Spaß beim Essen und es lief alles okay.
Dann kam ne dumme Reha, die mich krankmachte und ne noch dümmere Darm-OP. Aber auch das alles schaffte ich.
Immer meine Frau an meiner Seite, die selber zu kämpfen hatte. Und der ich Unterstützung war. Und sie für mich sowieso.

Und dann ein Lebensumbruch, weil die Mutter von Claudia sie brauchte.
Und damit uns. Claudia und mich konnte man nicht mehr trennen.
Und da war dann eine weitere Kampffront geöffnet, die wir zum Glück (momentan) harmonisch lösen konnten. Nach vielen Kämpfen.
Und so landeten wir am Arsch der Welt im tiefsten Münsterland.

Schließlich im letzten Jahr die endgültige Verabschiedung von meinem Kieferknochen und der Kaufähigkeit.
In einer Achterbahnfahrt von neuer Hoffnung und endgültiger Verzweiflung.
Jetzt akzeptiere ich das No Go.

Momentaner Stand(ard):
Meine Frau will die silberne Hochzeit. Mindestens. Das wären 25 Jahre. Momentan haben wir 8 dramatische, beschissene, aber für uns und für das Leben wunderbare Jahre geschafft. Und ich habe ihr eine riesige Party zum 10jährigen Hochzeitstag versprochen.
Mehr kann ich nicht versprechen.
Bei unserer Hochzeit gab ich uns keine 5 Jahre…
Ich habe die Liebe meiner Frau. Und die Zuneigung unseres Hundes. Und meine FreundInnen.
Ich habe die Poesie, ich habe die Musik.
Ich lebe.

Ich erfreue mich bei fast jedem Wetter bei den Spaziergängen mit dem Hund an der Natur hier im Münsterland. Außer bei Nieselregen, den hasse ich.
Ich freue mich auf neue Schallplatten und neue Bücher und will selber noch n paar Sachen veröffentlichen.



Das Leben schmerzt. Immer. Chronisch.
Aber es ist das Leben.
Und es geht weiter…





Donnerstag, 12. Januar 2017

Mal wieder eine Rezension: Tom Fuhrmann - Erbe des Tantalos



Tom Fuhrmann:
Erbe des Tantalos
(2015, Telescope Verlag, ISBN: 978-3-941139-30-5; 12,00€)

Kennt Ihr das?
Ihr fangt ein Buch an, taucht ein – und könnt es nicht mehr weglegen, bis Ihr die letzte Seite der Story gelesen habt?
Glücksmomente jedes Lesers.
Und so ist es mir mit „Erbe des Tantalos“ ergangen.
Ein Krimi, harter Stoff, teils blutig und brutal. Moralfragen kehren sich um, das Gute wird oft böse und das Böse stellt sich als gar nicht so schlimm, vielleicht sogar helfend heraus. Nichts ist, wie es scheint.
Die Hauptperson Michael Grundberg wacht nach drei Monaten im Koma im Krankenhaus auf und leidet an einer Amnesie.
Er erfährt so langsam, wer er früher war und welche Menschen ihn umgeben. Vieles gefällt ihm nicht. Nach einem Selbstmordversuch seiner Tochter muss er feststellen, dass sie nicht seine Tochter ist. Dann versucht man, ihn umzubringen, seine Frau wird ermordet, sein bester Freund verschwindet.
Ach ja: Seinen Job verliert er auch und steckt bis zum Hals in Schulden.
Harter Tobak, der aber noch härter wird und von dem ich hier nicht mehr verraten möchte.
Außer: Es bleibt trotzdem stimmig und nachvollziehbar.
Tom Fuhrmann erzählt dies alles in klarer Sprache mit vielen ausgefeilten und passenden Dialogen. Und voller Witz.
Spätestens bei den Ausflügen ins Musikgeschäft und in die Punk-Jugend des Hauptdarstellers merkt man, dass da sehr viel Persönliches verarbeitet wurde. Dies klingt aber auch bei den härteren Handlungssträngen durch.
Die Geschichte hat Fuhrmann hauptsächlich 2001 angesiedelt. Und die Zeitgeschichte dieses Jahres baut er durchgängig genial ein. So endet alles am 11.09. mit dem Anschlag auf das World Trade Center.
Mit einer Chance auf einen Neubeginn?
Lest selber!

Dienstag, 10. Januar 2017

Noch eine Woche, dann feiere ich das zehnjährige Jubiläum meiner Mundhöhlenkrebs-OP






Versuch in meinen Schuhen zu laufen

- könnte angenehm sein

Versuch dich in meine Haut zu versetzen

- no problem



Und dann stell dir vor

du hättest keine Zähne mehr

einen nachgebildeten Gaumen

eine deformierte Zunge

und im Unterkieferbereich kein Knochenmaterial

die Unterlippe gefühlslos und gelähmt

Dementsprechend keine Kaufähigkeit

und eine scheiß Artikulation

und Sabber

der dir aus dem Mund läuft

Und das für den Rest deines Lebens



Ich geb mal ne Zugabe:

Ständige Nacken und Schulterschmerzen nach Neck Dissection

Fatigue-Syndrom, posttraumatische Depressionen, Frühveralterung, COPD, usw.



Letzte Zugabe:

Meine statistische Lebenserwartung habe ich bisher
um ca. neun Jahre übertroffen

Ich werde noch ein paar Jahre weitermachen



Versetz dich in meine Haut

versuch in meinen Schuhen zu laufen



Und dann:

Hör mit mir Musik

spiel mit mir Gitarre

und zieh mich am Kicker ab

und rede mit mir

über Politik, Fußball, die Liebe, das Leben



Und:

Halt dein Maul

wenn es um gute Ratschläge geht!
-