Samstag, 19. April 2014

Wir Menschen um die 50




I
Präpubertät

Wir hatten keine Ahnung
und das
machte es so spannend

Wie unsere Eltern wollten wir nie werden
Auch wenn wir nicht wussten
wie oder was wir werden wollten

Sex war eigentlich überall
außer im Elternbereich:
Ihgitt! Die doch nicht!

Wir probierten die ersten Räusche
und scheiterten kotzend

Und der Schnupftabak des Hippies in der Szenekneipe
war für uns ne Droge
und wenn ein Bullenwagen auftauchte
flüchteten wir durch das Hinterfenster

Die weißen Bereiche unter den Bikinis der Mädchen
waren unser Ziel
In unseren Protzereien kannten wir alles
In Wirklichkeit nur den Aufklärungsbericht der Bravo
und den Playboy irgendeines Onkels


Das ist nur die halbe Wahrheit


Wir wurden missbraucht
von Erwachsenen
die mit der sexuellen Befreiung überhaupt nicht klarkamen
An uns wurden Anforderungen gestellt
die wir unmöglich erfüllen konnten
Wir wurden verarscht
und bekamen (im Idealfall) Taschengeld statt Liebe

Uns wurde immer noch das Wirtschaftswunder gepredigt
obwohl alles den Bach runterging
Unsere Antwort war
NO FUTURE!

So in etwa


II
Adoleszenz

Wir wurden älter
(zumindest die meisten von uns
Einige blieben auch auf der Strecke)

Die Drogen
verloren ihre Mystik
und wurden zu realen Problemen
die wir meistern mussten

Die weißen Stellen der Frauen
lernten wir kennen
Ein paar von uns lernten sogar
damit umzugehen

Wir übernahmen sowas wie Verantwortung
für uns
– nicht für die Welt
da konnten wir ja eh nichts bewirken

Und wir arrangierten uns
oder landeten in der Psychotherapie


III
Wechseljahre

Heute sind wir um die 50
und immer noch verdammt jung
und kaputt

Unsere Generation stand immer dazwischen
und wird irgendwann
als langweilig und unbedeutend einfach abgehakt werden

Und irgendwie
ist sie das auch

Jetzt:
Für uns gibt es keine Wunder mehr
und wir warten zitternd auf die Rente
die eh nicht ausreichen wird

Scheiß drauf
Wir haben es nicht anders verdient
mit unserer resignativen Konsumanbetung
oder dem Zeitgeist
was auch immer


IV
Die Nachfolgenden

Was mir Sorgen macht:
Nach uns
wurde es nicht besser

eher noch schlimmer

Aber das ist nun wirklich nicht mehr mein Problem


V
Fazit

Okay
Wir haben es verkackt

Aber wir konnten nichts dafür
dass wir mit Abba und Bay City Rollers
aufwuchsen





Dienstag, 8. April 2014

Scheißwetter



Scheißwetter.
Regen, Wind, nasse Kälte.

Nach dem Hundegang Frühstück vorbereiten
sich kurz zu der geliebten Frau ins Bett legen
ihre schlafenden Gesichtszüge beobachten
Dann sie ganz sanft wach streicheln
Ein Kuss, ein
„Guten Morgen Süße, das Frühstück ist fertig“
wärmende Umarmungen

Kaffee bis zum Abwinken
n bisschen Haushalt
und immer wieder auf eine Zigarette an den Schreibtisch
Statt nach draußen
auf die Frau schauen
und ganz tief die Liebe inhalieren

Nachdem der Vormittag ge- und überlebt wurde
wird die Mittagspause mit Gedanken
an Freunde und Freundinnen eingeleitet
So oft und immer wieder haben sie mir den Arsch gerettet
Sie sind der Grund
dass ich noch da bin
Sie sind der Grund
dass ich bin
Ich bin zwar ein schwacher Krüppel
aber ich bin nicht alleine
und deshalb
bin ich Supermann

Mittagsschlaf, Badewanne
schnell mal eben die Belegexemplare der MAULhURE zur Post bringen
Kram tippen
und den Hund bürsten
Dabei dann
die neue Afghan Whigs laut im Vorab-Stream hören
- Es hat auch Vorteile
wenn die Frau unterwegs ist -

Später
wird dann der Abend eingeleitet
mit Kochen und einem spartanischen Festmahl
Danach gibt es nur noch Frau und Hund und Mann
und
jede Menge Liebe

Scheißwetter
kann sowas von Scheißegal sein!


Freitag, 4. April 2014

Über Frusciante, Chaplin, nen Katzenkrimiautor, Vegane Ernährung, Pflege, meinen Schreibkram und meine Befindlichkeit...



Diese Nervosität und innere Unausgeglichenheit, die mich nicht zur Ruhe kommen lässt.

Papiere und Auszüge mit roten Zahlen werden bedrohlich und lähmen.
Anstatt aus dem Quark zu kommen ignoriere ich sie länger als möglich.

Krankheit und Schmerzen sind unpassend und ungewollt und werden verdrängt.
„Ich doch nicht!“
Ich brauche mich ja nur in meiner Umgebung umzugucken, da leiden alle an irgendeiner Scheiße.
„Mir geht es gut!“

John Frusciante ist einer der besten Gitarristen der Welt. Aber auf seinen Soloplatten wichst er rum. Und experimentiert mit Synthesizern. Auf Dauer nervt das. Obwohl: „PBX Funicular Intaglio Zone“ ist noch abgefahrener als der unmerkbare Titel. Das gefällt mir. („The Empyrean“ dagegen ist einfach Scheiße…) Nur mal so zwischendurch bemerkt.

Ein Zitat vom wunderbaren Charlie Chaplin:
„As for politics, I’m an anarchist.
I hate governments and rules and fetters. Can’t stand caged animals.
People must be free.”
Ja.
Besser kann man es nicht sagen.

Und dann war da noch dieser Katzenkrimiautor, der wild um sich schlägt und alles Menschliche und Freiheitliche beleidigt.
Ich gestehe, den Katzenkrimi fand ich damals gar nicht so schlecht. Und anfangs mochte ich seine „Elefant-im-Porzellanladen-Rhetorik“.
Aber es geht eben auch um den Inhalt.
Und da ist dieser Mann homophob, menschenverachtend und rechtsradikal. Fuck you, Akif!

Natürlich ist die Lage hoffnungslos. War sie irgendwie fast immer, auch in den besten Momenten.
Immer lustig und vergnügt – bis der Arsch im Sarge liegt.
So eben.

Ach so. Der neue Presse-Hype:
Vegane Ernährung ist nicht unbedingt gesünder!
Wow! Was für eine Meldung!
Auf gleichem Niveau wie „Zigaretten könnten unter Umständen doch etwas mit Krankheiten zu tun haben“.
Ich bin kein Veganer, ich mag Fleisch.
Aber ich habe etwas dagegen, für dumm verkauft zu werden.
Und das machen Spiegel, Stern und andere Print-Medien nicht nur mit diesem „Thema“.
Ich ernähre mich eh am liebsten flüssig (Nee! Nicht per Magensonde!).

N paar Worte zur Kranken/Alten-Pflege.
Ja. Scheiße.
Der Pflegenotstand ist eine Folge der unmöglichen Bezahlung und Behandlung der PflegerInnen! Nichts anderes.
Nach Tarif wird da selten bezahlt. Und die angebotenen Stellen sind meist Teilzeitjobs, bei denen Überstunden anfallen, die aber nicht bezahlt werden, sondern irgendwann ausgeglichen werden sollen. Was aber selten passiert. Und dann sind die PflegerInnen krank (weil einfach verschlissen) und für die KollegInnen fallen noch mehr Überstunden an.
Arbeit im Schichtdienst ohne feste Regelung und willkürlich nach dem Bedarf der Stationsleitung ist keine Seltenheit.
Und natürlich wird erwartet, dass nach dem „Satt und Sauber“-Prinzip gepflegt wird, nicht nach Bedürfnissen. Das Ganze dann effektiv und wirtschaftlich lohnend. Für die Träger der Häuser, nicht für die BewohnerInnen oder gar Beschäftigten.
Ich kann euch sagen – ich könnte kotzen.
Meine Frau bewirbt sich gerade. Und einige Angebote sind haarsträubende Sklavendienste und ich kriege echt zu viel dabei.
Zu meiner Zeit (damals an der Front) war es auch nicht besser, obwohl: Wir wurden nicht so offensichtlich und dreist beschissen, wie es heute gang und gäbe zu sein scheint.
Pflegenotstand?
Führt eine ordentliche Bezahlung (zum Beispiel nach dem TVÖD als Pflichtgrundbetrag) ein. Lasst vom MDK nicht nur die (eh geschönten) Dokumentationen prüfen sondern auch die Arbeitsstunden und Schichtwechsel (n wöchentlicher Wechsel wäre ja noch okay).
Zahlt für Überstunden, Wochenend und Nachtdienste angemessene Zuschläge. Gebt dem Job den Stellenwert, den er verdient hätte.
Dann gäbe es auch keinen Pflegenotstand.
Und: Ja. Das ist finanzierbar!

Zu meinem Job, meiner Berufung, meiner Tätigkeit – wie auch immer:
Ich muss mal wieder meine Homepage erneuern, mache ich dann die Tage, geht aber auch noch so: http://www.hermann-borgerding.de.
Meine Bücher:
„Ausgehöhlt“, „Mein Mittelfinger für den Krebs“, „Versuch: Die Liebe“ und „Auf Papier gebloggt“ sind alle endgültig ausverkauft.
Ich überlege, ne kleine Neuauflage selber drucken zu lassen, nachdem das bei „Auf Papier gebloggt“ super funktioniert hat. Außer „Ausgehöhlt“: Der Roman wird nächstes Jahr neu verlegt. Ich freu mich drauf!
Meine „Rock’n’Roll-Notizen“ liegen momentan auf Eis. Ich will da mit nem anderen Verlag zusammenarbeiten. Bin momentan etwas angenervt auf den Verleger, mit dem ich das Projekt geplant hatte…
Haben könnt ihr weiterhin den „ExtraBall“ und den „LaborBefund“.
Und: „Seifenblasen im Schädel“ ist wieder aufgetaucht. Uralte Texte von mir, hässliches Cover aber ein Buch, das ich mittlerweile selber wieder sehr schätze.
Bei Interesse mailt mich an…

Und:
Morgen wird die MAULhURE 3 gefeiert!
Gibt es bei Urs Böke, Jerk Götterwind, mir und Rodneys Underground Press!
Geiles Ding!
Prost!

So.
Ich habe keinen wirklichen Grund, mich gut zu fühlen.
Tue es aber trotzdem.
Alles wird gut, ich habe euch lieb, BlaBla.
Ach ja: Schönes Wochenende!





Donnerstag, 3. April 2014

Zwei Krebsfragmente



Unkaputtbar (vorerst Fragment)


Vielleicht bin ich ja wirklich unkaputtbar
Aber
mit solchen Äußerungen sollte ich vorsichtig sein
Schließlich habe ich
den VfL Bochum auch jahrelang als „unabsteigbar“ bezeichnet
(Die älteren werden sich vielleicht noch erinnern…)
Wo war ich?
Ach ja:

Unkaputtbar -
Meine Frau behauptet
ich würde mir alle Mühe geben
das Gegenteil zu erreichen
mit meiner Raucherei, meine Nachlässigkeit beim Angurten im Auto
und meinem Leben auf der Überholspur
und dem Drahtseil
oder meinen Chaosaktionen
aber sie übertreibt dabei
wie immer

Ich bin auch gar nicht unkaputtbar
Vielleicht n bisschen zäh und hart im Nehmen
aber momentan eher
ganz schön kaputt und
ziemlich im Arsch
aber eben noch nicht
ganz am Ende
und immer für neue Anfänge zu haben

Die Sonne wird (vorerst) immer wieder scheinen
und darauf folgt dann Regen
und feuchte Kälte
und Scheißwetter
aber eben immer wieder Sonne
Noch scheint diese Welt unkaputtbar
obwohl sie kaputter als ich ist
und das soll was heißen

Oh Mann
- das muss jetzt n Fragment bleiben
sonst entgleitet es mir

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Ständig wiederholende Texte sollte ich irgendwann lassen


Seit siebeneinhalb Jahren schreibe ich
drei bis vier Mal im Jahr dieses Gedicht
Immer mit ähnlichen Worten
Und ich habe die Schnauze voll davon

Jene Schnauze
die mir heute wieder aufgerissen wurde
um nachzugucken
ob ich mich noch immer
den Statistiken des Mundhöhlenkrebses widersetze

Nun
Ich gebe mir Mühe
Antworte nicht mehr zynisch auf die Frage
wie es mir geht
sondern zucke nur noch mit den Achseln
Lasse die Untersuchungen über mich ergehen
und verabschiede mich freundlich
aus diesem unfreundlichen Haus

Bisher endeten die Untersuchungen
meistens mit erfreulichen Ausgang
Zweimal mussten sie noch etwas schnippeln
und machten mir Angst
Diese Angst
die mich schon immer eine Woche vor der Untersuchung
lähmt und nervt
und mich zum Hypochonder werden lässt

Genug davon
Heute verzichte ich
auf die Therapiebiere nach dem KrankmachendenHaus
und beschließe
auch an diesem Text nicht mehr weiter zu arbeiten
und stattdessen endlich mal wieder ein Liebesgedicht zu schreiben