Freitag, 2. August 2013

kurz vorm aufwachen

aus 3D-Silbig No. 4, 1994.
Gestaltung Heike Brüner.
Und so hätte ich das heute geschrieben:


Kurz vorm Aufwachen


Trink einen Schluck von diesem blonden Gift
Stecke Dir die Wumme in den Mund und lass es spritzen
Drehe das Messer nochmal um 180°
während es in diesem wabbeligen Bauch steckt

Und trink diese Flasche Sekundenkleber auf Ex
Damit dein Mund für immer versiegelt sei.


BREAK


Lass die Sonne auf deine Haut knallen
Pusteblumen machen Spaß
Probier einfach mal: Schlage einen Purzelbaum
Roll dich über die Wiese
Lass dich aus und lass es raus und
Genieße den Frühling


BREAK


Geigen in der Glotze
Schmalz im Schädel
Albernheiten allerorten


BREAK


Keine Liebe, kranke Leber
Bier macht Bauch
Zuwenig Bewegung killt die Erregung
Keine Panik:
Es gibt Pillen gegen alles…


BREAK


Immer noch keine Purzelbäume
Keine Seifenblasen
Keine Pusteblumen

Dafür aber
dieser Regenbogen

Beim Versuch
ihn hochzuklettern
rutscht du ab

Und du wachst auf


Donnerstag, 1. August 2013

Aus meiner Zivi-Zeit:



Die Nummer auf dem Oberarm



Sie muss Mitte Siebzig gewesen sein
graue Haare, zum Knoten geflochten
Falten, Fett
aber schön.
Da war eine Wärme und Kraft
da war etwas Großmütterliches.
Keine Ahnung
aber
so eine Oma hätte ich gerne gehabt.

Ich war Anfang Zwanzig
und Zivildienstleistender.
Sollte ihre Küche und ihren Flur putzen
da machten ihre Knochen und Gelenke nicht mehr mit.
„Meine Putzjungens“ nannte sie uns Zivis vom MSHD
sie sagte das voller Zuneigung und Respekt
und bot mir erst mal einen Kaffee an.

Dankend setzte ich mich in ihre spartanische Küche.
Ihr könnt es mir glauben:
Ein Kaffee auf dem Kohleofen gekocht und warmgehalten
da könnt ihr eure Kaffeevollautomaten wegschmeißen!

Es war Sommer
und schweineheiß
und sie trug einen ärmellosen Kittel.
Sie war in ihrem Leben dreimal verheiratet gewesen
hatte sechs Kinder, elf Enkel und zwei Urenkel.
Trotzdem lebte sie alleine
schlug sich durch
und schien es zu genießen.
Ihre Ehen wurden vom Tod geschieden:
„Ich habe sie alle überlebt!“
Staublunge, Herzinfarkt, KZ.

Auf ihrem Oberarm war eine Nummer eintätowiert.
Sie bemerkte meinen Blick
und streichelte über ihre Tätowierung:
„Das ist mein Orden
 Einen anderen habe ich nie bekommen.“
Sie wurde damals als KPDlerin einkassiert
überlebte das KZ
und auch ihren Mann.
Das war alles
was sie dazu sagte
und ich fragte nicht nach.
„Es ist heiß. Ich will ärmellose Kittel tragen.“
Ein Blick auf ihren Arm
und dann – grinsend:
„Scheiß drauf, würdet ihr wohl sagen.“
Ich nickte.

Ich mochte diese alte Frau
und noch heute sehe ich diese Nummer vor meinen Augen.
Das ist für mich Mahnung und Aufforderung in Einem
und ein Tapferkeitszeichen aber
bestimmt kein Makel.

Sie bekam eine minimale Rente
und Unterstützung vom Amt
anstatt des Denkmals
das sie verdient gehabt hätte

Wie so viele andere.


1994, überarbeitet 08/2013

Mehr Lametta, Hommage an Buk, Fußball und Literaturfestival:



Früher war mehr Lametta.
Bei Durchsicht meiner Texte, die ich vor ca. zwanzig Jahren schrieb, stelle ich fest, dass ich damals politischer war.
Wütender, zynischer, sarkastischer.
Ich bin nicht mehr so wütend. Ich bin größtenteils desillusioniert und sprachlos. Zumindest politisch.

Obiger Absatz stimmt natürlich nur zur Hälfte. Wie die zwei Seiten der Medaille.
Schreiben ist immer politisch.
Mein Maul kann ich immer noch nicht halten. Und ich habe immer noch diese anarchistischen Utopien im Schädel, sie werden mich mein Leben lang begleiten.
Bloß Hoffnungen: Woher soll ich die heutzutage nehmen?
Und Wut: Immer seltener können mich politische Schweinereien und Repression überraschen und wütend machen.
Da bin ich alt geworden.



Kann man mit Bukowski noch irgendjemanden vom Kamin weglocken?
Nee. Kann man zum Glück nicht mehr.
Und deshalb darf man auch bei einer Buk-Hommage teilhaben:

Erscheint in ca. zwei Wochen…


Sommer!
Und obwohl der mich mal wieder umhaut finde ich das einfach nur geil!


Die Fußballsommerpause ist auch endlich vorbei.
Rot Weiß Essen darf ja erst nächste Woche starten (Wasserschaden im Stadion), der VfL Bochum hat schon zwei Spiele hinter sich.
Und ich bin zuversichtlich, was ich bei Bochum schon lange nicht mehr war:
Irgendwie ist da auf dem Platz wieder eine MANNSCHAFT zu sehen. Spieler, die GEWINNEN wollen. Und ein sehr flexibles Spielsystem. Das ist nicht perfekt oder hochklassig, aber es macht Spaß und Hoffnung. Auch auf den Rängen ist Aufbruchsstimmung spürbar. Ach – das ich das noch erleben darf!
Mit Klautern, Fürth, Ddorf, Köln, Pauli, Union Berlin, 1860 werden wohl andere Vereine den Aufstieg unter sich ausmachen. Aber direkt danach sehe ich den VfL. Und man wird ja noch träumen dürfen (Jammern über Bochum werde ich bestimmt noch genug!)!
Die erste Liga? Langweilig!
Die Bauern aus München, vielleicht der BvB und dann erst mal gar nix.
Ich hoffe nur, dass Goretzka auf Schalke und Götze bei Bauern ihren wohlverdienten Tribünenplatz bekommen.
Ansonsten lasse ich mich überraschen…

Und versuche, nicht zu viel über Fußball zu tippen.



So. Jetzt haben wir 16.00 Uhr. Das heißt, fünf Stunden am Schreibtisch. Mit Lindenberg als Soundtrack. Jetzt muss ich mal umsteigen. Mal sehen… Ja: Pearl Jam! Die bringen es jetzt!


Aktuelle Propaganda (da ich faul bin bei Böke geklaut):

Underground Literatur Festival:
Am 27. & 28.09.2013 wird in Darmstadt im RAUM 5 ein Underground Literatur Festival stattfinden.
DIE TASTATUREN BLUTEN WIEDER – Underground Literatur
 
Freitag 27.9.2013 | 19.30 Uhr   
Samstag 28.9.2013 | 18.00 Uhr
Eintritt 3,-€ für einen Tag
Eintritt 5,-€ für beide Tage
 
Über das Schreiben gibt es nicht viel zu sagen, meinte einst Papa Hemingway.
Man setzt sich vor die Schreibmaschine und blutet. Und genau dieses Bluten
manifestiert den Unterschied zwischen Autor und Leser, zwischen Künstler und
Konsument. Denn im Underground rumort es und zwar prächtig!
 
In Darmstadt mit dabei:
Robsie Richter, Roland Benz, Markus Hintzen, Hermann Borgerding, Roland Adelmann, Susann Klossek, Benedikt Maria Kramer, Andreas Niedermann, Arnd Dünnebacke, Michael Buttler und
als musikalische Unterstützung  Das Ding & Alfredo Garcia.
Und falls alles glatt geht, wird auch Böke an der Theke ein paar Bier trinken...


Und Mitte September gibt es dann ein Sonderheft des LaborBefund. Ne Art Werkschau über meine Schreiberei. Ich denke, das wird toll!


So.
Und jetzt weiter schreiben und nebenbei zur Abwechslung weiter den alten Kram durchblättern!

Mann, ist mir warm!


Bald



Bald…


Schon bald werden wieder Nummern auf die Arme tätowiert. Diesmal aber als Strichcodes.
Die Frauen werden wieder am Herd stehen. Das Mutterkreuz wird wieder eingeführt und es werden kleine Könige gezeugt.
Die haben allerdings nichts zu sagen.
Gar nichts.

Genetische Vorauswahl und Gesetze zum Schutz der Embryos schaffen eine neue Herrenrasse, die tausendjährige Reiche ermöglicht.

Glaubt es mir, schon bald…

Wir brauchen keinen neuen Führer dafür.
Wir schaffen das diesmal auch ohne.

Statt braunen Uniformen sind weiße Kittel die Merkmale der neuen Zeit.
Die Täter haben weißgewaschene Westen und Nadelstreifenanzüge.
Sie sind nicht persönlich haftbar.

Statt Widerstand gibt es Pillen, Bier und Glotze.

Die Bomben stellt die Regierung.
Sie explodieren in den Häusern der anderen:
Der Behinderten, Ausländer, Schwulen, Linken und Paradiesvögel.

Teccno und Cyberspace und Straßengangs.
Guarana und Energy-Drinks statt Kaffee.

Crack für die Armen, Armeen für die Reichen.

Glaubt es mir, schon bald…


Und eigentlich hat diese Zukunft längst begonnen.


1995, 3D-Silbig No. 5, überarbeitet 08/2013