Sonntag, 14. April 2013

N bisschen Spaß muss sein...



Die Musik von „World Party“. Veltins. Ein unverdienter aber wichtiger Sieg des VfL Bochum. Frühlingswetter.

Darmstadt war klasse! Eine stimmige Lesung mit Markus Hintzen, der mich mit seiner Vielseitigkeit und Herzenswärme überraschte, wo ich ihn doch immer als Misanthropen in Erinnerung hatte und ein meiner Meinung nach gelungener Auftritt von mir, auch ohne Mikro. Ich glaube, die ZuhörerInnen haben mich verstanden.

Raum5 ist ein toller Veranstaltungsort und optimal für Treffen, Seminare, Konferenzen aller Art. Nathalie und Anton sind äußerst engagiert und haben das Herz am rechten (nämlich am linken) Platz. Hey, Ihr zwei: Nochmal danke, für die Veranstaltung und die Übernachtung bei Euch! Immerhin hat unsere Hündin einen Härtetest für die Einweihung Eures neuen Staubsaugers in der Wohnung hingelegt!

Jörg HerBIG, Jerk Götterwind, Iris, Seb und all die anderen netten Menschen: Es ist immer wieder schön in Damstadt und die Zeit ist viel zu kurz, um Ihnen und vor allem meinem Interesse gerecht zu werden! Aber spätestens Ende September bin ich ja (so Göttin mich lässt) wieder da!
Der Besuch bei der Rückfahrt dann bei Arnd Dünnebacke (nächster Gedichtband im Sommer beim Acheron Verlag!) und Alex. Ihre Wärme und Liebe. Manche Sachen kann ich nicht beschreiben. Und drücke die Daumen und habe ganz viel Platz in  meinem Herzen, wo sich Tjarden auch noch einnisten kann…

„World Party“ wurde durch Patti Smith ersetzt. Da der Kiosk keinen Drum hatte, rauche ich jetzt Gauloises ohne Filter. Für meinen Mund Scheiße, aber im Nostalgiefeeling unschlagbar. Das Fenster neben meinem Schreibtisch ist weit aufgerissen.


Gefühlsachterbahnchaos im Zeichen des Krebses.
Mehr schreibe ich nicht dazu.
Nicht jetzt.
Meine Frau leidet mit mir und durch mich.
Ihr müsst das nicht auch noch.


Guantanamo immer noch. Und die ersten (offiziellen) Opfer der Wohnungsräumungen in Dland.
Portugal, Zypern, Griechenland, Spanien, Italien und die Liste ist verlängerbar und Dland spielt zwar noch den Imperator, aber rüstet innerlich schon gegen den sozialen Widerstand die Polizei auf. Und der Widerstand wird kommen. Irgendwann.
Und der Kapitalismus wird seine hässliche Fratze zeigen müssen. Und scheitern.
Ich hoffe zum Positiven. Aber ich habe arge Befürchtungen.


Ganz viel Frühling.
Wirklich gute Freunde werden in ca. sechs Wochen einen Frischling in diese Welt gebären.
Ich freue mich aus tiefstem Herzen und weiß, dass der Frischling bei den beiden gut aufgehoben ist.
In einer Welt, die zwar wenig Grund zur Hoffnung bietet, wo die Hoffnung aber eben auch in unseren Nachkommen liegt.
Vielleicht machen sie mal das besser, was wir verbockt haben.
Ich meine das nicht persönlich, sondern generationsmäßig und überhaupt. Und nehme mich da auf keinen Fall raus!
Okay, schlechter als wir können sie es kaum machen.


Was ist Freundschaft?
Ein Bekannter von mir fordert sie aus sich heraus. Ohne direkte persönliche Anfrage.
Und beklagt sich, dass seine angeblichen Freunde nicht da sind, wenn er sie braucht.  Das kann nicht funktionieren.
Ich erlebe und spüre Freundschaft  täglich. In dem Mitgefühl meiner Weggefährten  und in dem Wissen, dass meine Menschen da sind, wenn ich sie direkt frage und ihre Hilfe brauche.
Dieser Absatz ist vielleicht nicht deutlich und klar genug. Trotzdem.


Wie schafft man eine Revolution?
Ich habe keine Ahnung.
Aber ich weiß, dass man sie nicht ohne Herz, Wärme und Humor schaffen kann.
Ein Lachen wird es sein, was sie besiegt.
Und:
Wenn ich nicht tanzen kann – ist es nicht meine Revolution.
Bekannte Sätze. Aber dermaßen wahr!


Kommenden Mittwoch dann zur Biopsie.
Chirurgen sind menschliche Krüppel, vielleicht nicht alle, aber zumindest die, die ich kennengelernt habe.
Seele, Gefühle und Ängste sind für Chirurgen Fremdwörter, das habe ich gelernt zu akzeptieren.
Ich scheiß da mittlerweile drauf, da ich weiß, dass sie einen super Job machen und einen großen Teil dazu beigetragen haben, dass es mich noch gibt.
Einen größeren Anteil an meinem Überleben haben alle meine Freunde und seit über vier Jahren hat den größten Anteil meine Liebe (mittlerweile Ehefrau).
Wenn die nicht wären, dann hätte ich mich endgültig verpisst.
Wie auch immer.
Und dann ist da noch die Schreiberei.
Meine LeserInnen und ihre Reaktionen. Die fabelhaften KollegInnen. Der Spaß an der Poesie.
Und meine Hoffnung, wenigstens n bisschen Poesie rüberzubringen.


„Tonight’s the night“. Mittlerweile Neil Young.
Und ein schwebender Hermann.


Ich schaffe mir neue Ziele. Im September soll in Darmstadt ein (Underground)- Literatur Festival stattfinden.
Mit mir.
Wenn ich dann krebsbedingt keine Zunge mehr haben sollte, dann muss Claudia meine Texte eben für mich lesen.
Und ich werde mir Mühe geben, dann besonders sexistisch anmutende Texte auszuwählen.
Und wenn sich Jerk Götterwind und Urs Böke weiterhin weigern, zu lesen, dann werde ich sie rezitieren.
N bisschen Spaß muss sein.





Samstag, 13. April 2013

Ausgehöhlt, mal wieder hervorgekramt...



HeyHo!

Es gibt noch ein paar Restexemplare von „Ausgehöhlt – Im Krebsstrudel“ (Roman, 187 Seiten, 14,95€ + 1,45€ Porto) bei mir zu kaufen.

N paar Stimmen dazu:

„Gestern dein Buch in einem Ritt durchgelesen und kann nur sagen: ich verbeuge mich vor dir! Und das ist nicht nur so dahin gesagt. Hier und da hat es mich an meine eigene Tumoroperation (mit deiner nicht zu vergleichen) und deren Folgen erinnert. Ein in vielerlei Hinsicht tief bewegendes Buch, und doch nicht ohne Humor – könnte ner Menge Leuten Mut machen …“
Florian Günther

„Wie seine Lyrik ist auch der Roman schonungslos offen. Hermann lässt die Hosen runter, entblößt sich vor seinen Leser/-innen. Ob es nun seine Angst vor der OP ist, das Entsetzen nach der OP, als er das erste Mal in Spiegel schaut und visualisiert, was es heißt, alle Zähne und den Oberkiefer entfernt zu bekommen, oder ob es seine Nachbehandlungen sind. Verbrennung im Mund nach der Bestrahlung. Zusammenbrüche in seiner Wohnung, weil er zu schwach ist, aber sich weigert sich eine Magensonde legen zulassen und lieber unter Schmerzen Suppen und streng passierte Kost schluckt. Er magert runter von 80 auf 48 kg. Und doch ist immer wieder spürbar, dass er nicht aufgeben will. Das Leben ist lebenswert! Hermann lässt sich nicht unterkriegen, kämpft, denn schließlich hat er mittlerweile sechs Abstiege des VfL Bochum überlebt. Was soll ihm der Krebs da noch anhaben?
Er schreibt mit Gefühl, zeigt seine Gefühle und lässt uns daran teilhaben.“
Jerk Götterwind

Hermann Borgerding, gebürtig aus Castrop-Rauxel und heute in Bochum beheimatet, hat nichts ausgelassen in seinem Leben, nicht Sex, Drugs, Suff oder Rock`n`Roll. War Sänger und Gitarrist, Underground-Poet, Rock-Fanatiker, Taxifahrer stets auf der Überholspur und bis zum Ausbruch seiner Krankheit als Krankenpfleger tätig. Alles das kommt auch vor und noch viel mehr: nämlich sein trotziger Willen zum Leben, zum Überleben, und dass ihm die Musik Kraft gab, die Poesie und vor allem: seine Freunde, die ihn unterstützen, aber nie vereinnahmten. Es steckt eine unglaubliche Zuversicht in und zwischen den Zeilen dieser ungewöhnlichen Autobiografie, und man wundert sich, dass Borgerding es trotz seiner Schmerzen, seiner Einschränkungen und seiner Ängste schafft, nicht nur für sich selbst lebensfreudig in die Zukunft zu schauen, sondern auch noch dem Leser jede Menge positive Energie mit auf den Weg zu geben.
„Ich habe sechs Abstiege des VfL Bochum überlebt. Da lasse ich mich doch nicht vom Krebs besiegen!“, schreibt er an einer Stelle und zieht sein persönliches Fazit: „Trotz aller Scheiße, das Leben ist lebenswert und es lohnt sich.“
Uli Engelbrecht


Und hier ne Leseprobe:

Der entscheidende Morgen. OP-Hemd. OP-Haube. Die Scheißegal-Pillen. Klasse! Jetzt ist es mir wirklich scheißegal. Ich lache und versuche Witze zu machen, aber irgendwie funktioniert das nicht. Dann schieben sie mich durch den Nebel. Ich glaube, mir ist kalt. Ich weiß, ich hab Angst. Dann weiß ich nichts mehr…

Ich habe eine Erektion. Eine geile Blonde fummelt an meinem Penis, manipuliert, benutzt die Hände. Ja! Nimm ihn in den Mund! Schluckst du auch? Sie führt mir etwas in meine Harnröhre, die Erektion schwindet, das ist nicht meine Form von Sex.
Trompetensolo. Eigentlich mag ich keine Trompeten. Es schaukelt. Bin ich auf einem Boot? Ich bin auf einer Fähre auf dem Ozean. An der Reling steht Helga Feddersen und der unvergleichliche Sven Regener singt. „Niemand ist gern allein, mitten im Atlantik / diesmal, mein Herz, diesmal fährst du mit“.
 Ich muss kotzen. Nee, muss ich gar nicht. Überall Blut. Die Putzfrau wischt es auf – halt, das heißt ja jetzt Reinigungsfachkraft. Aber deshalb bekommt sie auch nicht mehr Geld. Es wackelt. Ich knutsche. Ein geiler Zungenkuss mit einer Unbekannten, unser Speichel vermischt sich. Als wir den Kuss beenden greift sie meine Zunge mit den Fingern und schneidet sie ab. Dann kratzt sie mit einem Löffel meinen Mund aus. Es regnet, Gott segnet, die Erde wird nass. Ich habe keine Schmerzen, ich spüre nichts. Ist das hier ein Traum? Träumt man in der Narkose? Ich sehe einen Engel. Ich sehe mich auf dem OP-Tisch. Ach so. Ich habe einen Katheter. Is nix mit Oralsex – war nur das Katheterlegen.
Blut, Schleim, aufgesägte Knochen. Verbranntes Fleisch. Die Decke bröckelt über mir. Merken das diese Idioten denn nicht? Der Putz rieselt auf mein Gesicht, ich habe einen dicken Brocken in meinem Mund, verschlucke mich daran, ersticke. Nee. Jetzt ist er runter gerutscht. Ich ersticke doch nicht. Muss scheißen. Kann es nicht halten. Egal.
 Rio singt von einer vergangenen Liebe. Junimond im Januar. Ich zerfließe. Fühle Brüste, große Brüste. Versteifte Brustwarzen. Ich nuckel immer gerne. Ich trete die Brüste – auf einmal haben sie sich in Fußbälle verwandelt. Ein klasse Schuss von mir, aber der Torwart fliegt und klatscht den Ball noch um den Pfosten. Der Torwart bin ich. Verbranntes Fleisch, brennende Haare. Es stinkt erbärmlich aber meine Nase ist zu, gefüllt mit irgendwas – was weiß denn ich. Ich will schlafen. Das ist ekelhaft. Merken die denn nicht, dass die Narkose gar nicht anschlägt, ich den Horror live erlebe?
Ich springe vom 3-Meter-Brett und tauche glatt in das kalte, perlende Wasser. Schön.
Ich tauche ab und bin wieder weg…
Es stürmt.
Break.
Weiß. Alles weiß. Ich tauche ein in weißes Licht, werde zu weißem Licht. Irgendwie so. Oder anders. Nicht in Worte zu fassen. Ich bin weißes Licht.
Break.
Ich habe Angst vor der Liebe.
Ich habe Bock auf Zärtlichkeit, Bock auf Nähe, Bock auf Wärme und Bock auf Gemeinsamkeit. Aber ich habe Angst vor der Liebe und bei mir kommt die Liebe schon oft bei nur einer dieser Sachen angeschlichen. Und hat mich dann im Griff. Aber volle Kanne.
Eines meiner Probleme: Ich verliebe mich zu schnell. Und dann halte ich zu fest und dann will ich nicht mehr loslassen und dann falle ich irgendwann auf die Schnauze und dann tut es wieder höllisch weh. Und das tut es dann immer:
höllisch weh.
Break.
Wo bin ich? Bin ich noch am Leben? Wer bin ich? Was bin ich? Warum bin ich? Bin ich?
Break.
Ich auf der Schulter meines Vaters. Pferderennen in Castrop-Rauxel. Ich bin ca. 4 Jahre alt. Und fühle mich unbesiegbar. Beschützt. Viel zu selten hat mein Vater mir dieses Gefühl vermittelt.
Break.
Ich in einem Krankenzimmer. Ich bin 5 Jahre alt und hatte einen Unfall. Die Kette meines Fahrrads war gerissen, ungebremst fuhr ich ein Gefälle runter, knallte mit dem Vorderrad an die Bordsteinkante, flog und überschlug mich, landete mit dem Kopf an einer Mauer. Gehirnerschütterung, Armbruch, Nasenbeinbruch, Kieferbruch. Meine Mutter füttert mich mit einer Schnabeltasse und frisch gekochter Suppe. Meine Schwester und meine Freunde stehen unten vor dem Fenster und rufen nach mir. Sie dürfen das Krankenzimmer nicht betreten. Eine riesige Zahnlücke wird mich bis zu meinem achtzehnten Geburtstag begleiten. Ich bin fest überzeugt, dass der Kieferbruch und die seit frühester Kindheit fehlenden Schneidezähne und die ständige Zahnklammer mit Auslöser für den Krebs sind. Nicht nur das Rauchen.
Break.
„Ich bin doch gerade erst gewaschen worden!“
Ich weiß, dass das nicht stimmt.
„Aua! Du tust mir weh!“
Ich habe sie noch gar nicht berührt.
Die Dame im Bett ist eine meiner Lieblingspatientinnen. Sie hat fürchterliche Angst, vor jeder Bewegung und jeder Berührung.
Ich versuche, zügig und vorsichtig nur das Nötigste zu machen. Eine Intimpflege und den alten Schweiß entfernen. Das muss einfach sein, sonst geht mir diese Dame noch mehr auf, wird zur liegenden Ganzkörperwunde. Und hat dann noch mehr Schmerzen.
Nach der Körperpflege setze ich mich an die Bettkante, nehme ihre Hand. Sie wird ruhig, entspannt sich. Grinst mich an:
„Ich habe dich lieb…“
Ich nicke: „Ich Sie auch…“
Break.
All diese Bilder. Jedes Bild erzählt eine Geschichte. Wie ein Stummfilm läuft das ab. Ist das mein Leben, das sich vor meinem inneren Auge abspult?
Ich sehe Thomas, Susanne, Karen, Anne. Ich sehe meine biologische Schwester, obwohl ich die vier Freunde eher als meine wahren Geschwister bezeichnen würde. Blutsbrüderschaft oder so. Aber von Blut will ich nichts wissen.
Ich sehe meine Mutter, sie weint. Sie soll damit aufhören! Wenn, dann hätte ich einen Grund zu weinen! Jetzt muss ich sie trösten.
Irgendwie weinen plötzlich alle. Selbst Thomas. Da muss ich auch weinen. Meine Tränen vermischen sich mit Blut.
Break.
Ich liege in einer Pfütze. Das Wasser rinnt aus all meinen Poren und füllt das Krankenbett. Wenn die das nicht bald wegmachen, werde ich ertrinken! Ich habe keine Beine und Arme mehr. Was ist das auf meinem Hals? Das ist doch nicht mein Kopf! Was ist das in meinem Hals? Das gehört da nicht hin! Ich kriege keine Luft mehr! Hilfe!
Und dann kommt endlich wieder diese milchige Nebelsuppe. Hüllt mich ein, wie in Watte. So möchte ich bleiben.
Break.
In und um mir Musik. Neben mir Thomas, der seine Riffs auf der Gitarre spielt und mich im Rhythmus stützt. Anne gibt an den Drums einen tierischen Beat vor, treibt uns an. Klaus hämmert das Bass-Grundgerüst. Ich dresche auf meine Gitarre ein, tanze zum Mikro. Singe Jenseits von Eden. Plötzlich steht Rio Reiser neben mir, stimmt ein:
„Heiß heiß kochend heiß
 weiß weiß blühend weiß
 Liebe was ist das
 das ist das Leben in der Stadt
 Was soll daran schlecht sein
 Liebe kommt von Unten
 Liebe hat schwache Worte
 Ich will nicht, dass du in schwarz gehst
 wenn ich tot bin
 Ach ich bin so müde
 Will zurück ins Leere
 Heiß!“
Was soll das? Dieses Lied können wir unmöglich covern! Rio ist viel zu gut! Da kann man sich doch nur blamieren!
Merkwürdigerweise schaffen wir es. Ich komme sogar mit der Atmung und dem Gesang klar. Und wir stecken voller Energie, vereinigen diese, können sie in unsere Instrumente packen und bringen es voll rüber! Dieses geile Gefühl ist unbeschreiblich. Ein gemeinsamer Orgasmus. Ein Rausch, völlig ohne Drogen und deshalb klar und umso intensiver. Heiß!!!
Break.
Ich glaube, langsam tauche ich auf.
Wenn mich nicht alles täuscht, dann höre ich einen fürchterlichen Sturm. Aber das muss draußen sein. Irgendjemand wischt irgendwas auf. Bilde ich mir das ein, oder haben sich da wirklich Fliesen von der Wand gelöst? Wo bin ich?
„Atmen sie! Sie müssen atmen!“
Ich mache es. Werde von der künstlichen Beatmung abgestöpselt. Versuche, zu sprechen.
„Nur ruhig. Sie liegen auf der Intensivstation und haben die Operation überstanden. Gleich werden Sie abgeholt und zurück auf ihr Zimmer gebracht.“
Eine Schwester und ein Pfleger. Ich nehme sie kaum wahr. Bekomme aber mit, dass sie sich fürsorglich und intensiv um mich kümmern.
Bin ich jetzt wirklich wieder da? Oder ist das nur ein anderer, etwas freundlicher Traum?
Ich kann mich nicht bewegen. Es kommt mir vor, als hätte ich überall Schläuche und künstliche Ein- und Ausgänge. Dann kommt eine Krankenschwester, die ich zu kennen glaube.
„Hallo Herr Borgerding. Wir bringen Sie wieder zurück.“
Keine Ahnung, wie oder was. Aber ich habe es überstanden. Aus meinen Augen fließen Tränen. Ein Sturzbach. Ich weine ungehemmt.
Ich lebe.



Der Tag meiner Operation ist der Tag, an dem Kyrill über Nord-Rhein-Westfalen tobt.
Das wird mir später erzählt. Ich bekomme vom Sturm nichts mit. 13 Stunden liege ich auf dem OP-Tisch. Es ist verdammt knapp und der Professor erzählt mir später, dass er meine Patientenverfügung „ein wenig auslegen“ musste. Es fließt viel Blut, eine Halsschlagader muss geflickt werden. Mein Hals und fast der gesamte Oberkiefer werden massiv leer geräumt.
Nach zwei Tagen komme ich von der Intensivstation wieder auf mein Zimmer. Ich bin noch nicht ganz da. Ich glaube, meine Schwester und meine Nichte zu sehen. Ich sehe Susanne und hebe den Daumen hoch, als Zeichen, dass alles gut gegangen ist.
Ich weiß nicht genau, ob alles gut gegangen ist. Aber ich lebe. Und weiß genau: ich will weiter leben. Will kämpfen. Scheiß auf die nachfolgenden Behinderungen – im Spiel Krebs gegen Hermann steht es 1 : 0 für mich. Das Tor ist ne geile Kombination des gesamten Teams, welches aus meinen Freunden, dem Operationsteam und mir besteht. Vollstreckt habe schließlich ich. Man könnte sagen, es ist eines meiner seltenen Kopfballtore.

Auszug aus „Ausgehöhlt – Im Krebsstrudel“, veröffentlicht bei
 edition PaperONE, Leipzig 2011
vom Autor als Leseprobe zur Veröffentlichung und Weiterverbreitung freigegeben. Jede weitere Nutzung oder Verbreitung nur nach schriftlicher Genehmigung des Autors.

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Wenn ich Euch jetzt neugierig gemacht habe, dann könnt Ihr das Ding bei mir bestellen.
Einfach ne e-Mail mit eurer Postanschrift und ich schicke es Euch (+ Rechnung) zu...
hermann.borgerding@gmail.com




Mittwoch, 10. April 2013

"Sie haben da etwas, was mir nicht gefällt."



Erinnert Ihr Euch an meine Neujahrswünsche? Und an den Satz „Es kann nur besser werden!“?
Bisher will mir 2013 wohl das Gegenteil beweisen. Und lässt mich Achterbahn fahren.
Eigentlich mag ich Achterbahnen, aber jetzt wird es mir dann doch zu viel.

Dieses Jahr begann mit der bescheuerten Reha und einer Woche Verlängerung. Ich hatte mich gerade erholt, da packte mich die Magen- und Darmscheiße, die ich erst ignorierte, auf einen Infekt reduzierte. Das funktionierte nicht und ich wurde mit erneuten Tumorverdacht ins Krankenhaus eingewiesen, wo sich dann herausstellte, dass ein Zahnstocher sich in meine Darmwand gebohrt hatte.
So was von dämlich (aber erklärbar, da ich Schluckstörungen habe und im Mund beinahe gelähmt und gefühllos bin…)!
Ich habe die OP überstanden und bin beinahe wieder hergestellt und fit.
Noch n bisschen müde, noch n bisschen abgemagerter, als es gut ist. Aber es ist alles okay.
Und dann heute Morgen die Tumornachsorge.

„Sie haben da etwas, was mir nicht gefällt. Wir müssen eine Biopsie machen.“
Seit sechs Jahren habe ich diesen Satz befürchtet, heute erwischte er mich völlig unerwartet.
Ich hatte mit dem Routinescheiß gerechnet, schließlich hatte ich alle möglichen und unmöglichen Untersuchungen in Reha und Krankenhaus schon hinter mich gebracht. Und dann das.
Morgen wollten sie ran, ich habe es um eine Woche verschoben, da ich noch eine Lesung in Darmstadt habe und da unbedingt hin will.
Und jetzt therapiere ich mich an meinem Schreibtisch.

„Sie haben da etwas, was mir nicht gefällt.“
Ja. Habe ich.
Mein Kopf und vor allem mein Kiefer und mein Gaumen und meine Zunge gefallen mir auch nicht. Mein Untergewicht und meine Müdigkeit finde ich nervig. Und meine unsaubere und sabbernde Artikulation finde ich zum kotzen. Apropos kotzen: Ja. Muss ich eh oft. Und die Aspirationsgefahr ist riesig.
Was der Arzt meinte ist allerdings noch beschissener für mich.
Es sei denn, er macht auf Panik, wo eigentlich nichts ist.
Was weiß denn ich.

Ich hatte den Krebs für mich abgeschlossen. Klar, meine Behinderungen. Aber ich habe sechs Jahre überlebt, drei Bücher veröffentlicht und einige Lesungen durchgezogen. Und ich habe eine Hündin, die auch jetzt zu meinen Füßen liegt und eine Frau, die ich über alles liebe und wahrhaftig geheiratet habe – und vor sieben Jahren wäre das unmöglich gewesen.
Es war eine Illusion: Krebs ist nie abgeschlossen. Er wird mich mein Leben lang begleiten. In meinen postoperativen Behinderungen und in meiner Angst.
Und Angst habe ich momentan.
Mehr, als mir lieb ist.

„Sie haben da etwas, was mir nicht gefällt.“
Mir gefällt der Arzt nicht. Ich weiß nicht, wie er heißt, er hat sich nicht vorgestellt.
Ich frage ihn nicht. Ich frage auch nicht nach der Biopsie und den möglichen Befunden. Ich bin nicht doof, ich weiß, was das bedeuten kann.
Gar nichts oder alles. Leben oder Todesurteil.
Fuck.
Ich weiß, dass ich chirurgisch in den besten Händen bin. Menschlich sind das Arschlöcher, aber dafür habe ich meine Frau, meine Freunde und meine Leser, die ich teilhaben lasse und die auch dadurch müssen (Anmerkung: diese Schreibweise zeigt mir mein Rechtschreibprogramm an. Ich zweifele…).

Und das ist es erst mal für heute.
Prost!