Mittwoch, 10. Oktober 2012

Wieder einmal das KRANKmachENdeHAUS



Schreiberlinge wollen alle nur das Eine: Schreiben.
Stimmt natürlich nicht ganz. Sie wollen gelesen werden, sie wollen Anerkennung, sie wollen als Menschen auch Liebe, Freiheit, Rausch und Glück.
Egal. Vorrangig will ich schreiben. Und da kommt mir verdammt nochmal zu viel dazwischen.

Heute kam wieder das KRANKmachENdeHAUS dazwischen.
Eigentlich Kinderkram: Routinemäßige Krebsnachsorge. Circa alle drei Monate wird mir das Maul aufgerissen und geguckt, ob sich ein neuer Tumor ankündigt. Bei einer Plattenepithelerkrankung in der Mundhöhle ist diese Untersuchung lebenslänglich insistiert. Ich mache das jetzt über fünf Jahre mit und habe im wahrsten Sinne des Wortes die Schnauze voll.

Also fahre ich auf den Parkplatz des Knappschaftskrankenhauses Bochum Langendreer. Damit bin ich schon privilegiert, nicht jeder Patient oder Besucher ist in der Lage selber zu fahren. Und muss dann die äußerst unerfreuliche Busfahrt oder ein teures Taxi in Kauf nehmen. Ich nicht.

Vor dem Krankenhaus die Raucher. Sie leiden am meisten, abgeschoben in einen kalten von Plexiglas umzäunten Pavillon beruhigen sie sich und versuchen sich mit ihrem Krankenhausschicksal abzufinden. Sie haben müde oder tote Augen, wie fast alle anderen Menschen in einem Krankenhaus auch.

Ich gehe zielstrebig auf die Kiefer- Mund und Gesichtschirurgie-Ambulanz zu, betrete die Anmeldung und zücke meine Krankenkassenkarte und die Überweisung. Das ist wichtig, ohne dem darf man nicht mal sein Begehren äußern. Ich kenne das, wurde ich im Laufe der Jahre doch auch schon mal wieder nach Hause geschickt, weil die Überweisung falsch ausgestellt war.
Dann gehe ich in den Warteflur. Der ist kalt und unfreundlich, noch nicht mal ein Garderobenständer oder Zeitschriften befinden sich dort und oft werden die Türen zu den Untersuchungsräumen einfach aufgelassen und alle Patienten bekommen das Leid der anderen mit.

Über fünf Jahre Krebsscheiße. Eigentlich habe ich alles erreicht, ich lebe immer noch!
Zu Beginn meiner Krebserkrankung hatte ich mir vorgenommen, meinen Roman zu beenden und Tom Waits live zu sehen. Beides hat sich erfüllt, der Roman wurde sogar veröffentlicht und löste viel positive Kritiken aus und für Tom Waits machte ich mich mit Kersten auf einen beschwerlichen Weg nach Paris.
Viel mehr noch, was ich mir nie hätte träumen lassen:
Ich habe meine Liebe gefunden, bin verheiratet und wir haben zusammen den besten Hund der Welt (auch wenn das alle Hundehalter von ihren Tieren behaupten…).
Jetzt wird es also Zeit für neue Ziele. Oder einfach nur fürs Genießen.
Gerade auf einem Krankenhausflur fällt es schwer zu genießen…

Warten, warten, warten.
Ein alter Mann im Rollstuhl wird auf dem Flur darüber aufgeklärt, dass er noch mal operiert werden muss. Seine hilflose Frau, die den Rollstuhl schiebt bekommt eine Wegbeschreibung zur Anästhesieabteilung, die sie unmöglich verstanden haben kann. Dann schieben die beiden ab.
Ich erinnere mich, wie oft ich hilf- und orientierungslos über all die Flure des Hauses geschlurft bin. Begleitung gab es nur am Anfang und natürlich während der Immobilität…

Ich frage mich, was ich hier eigentlich will oder soll!
Selbst wenn ein neuer Tumor entstehen sollte, diese Tortur würde ich kein zweites Mal auf mich nehmen! Ich bin im Bonusprogramm und das ist wunderschön! Und wenn noch etwas passieren sollte, dann passiert es eben! Dann nehme ich noch mit, was irgendwie mitzunehmen ist vom Leben, dann möchte ich möglichst schmerzarm sein und alles andere ist dann egal!
So viel Elend auf den Fluren…

Ich werde unerwartet schnell aufgerufen und darf das Behandlungszimmer betreten. Ich soll mich schon auf den Behandlungsstuhl setzen, bleibe aber auf der Kante sitzen, solche Stühle hatte ich schon zur Genüge!
Dann kommt der Oberarzt in den Raum, er geht zielstrebig zum Computer, an dem meine Akte liegt und in dem die Schwester schon meine Datei geöffnet hat. Immer noch mit dem Rücken zu mir:
„So sie sind also…“
Ich antworte:
„Ich wünsche Ihnen auch einen schönen Tag.“
Immerhin, er dreht sich zu mir um, blickt nochmal auf die Akte.
„Ach, Herr Borgerding. Setzen sie sich bitte ganz in den Stuhl.
Dann wieder die Akte. Wie immer hat auch dieser Arzt keinen Plan. Zu oft wechseln die behandelnden Ärzte in der Uni-Klinik.
„So. Es geht also um ihren Implantationsantrag…“
Ich will nur noch raus. So freundlich, wie möglich, weise ich ihn darauf hin, dass dieser mindestens vier Jahre zurückliegt und die Implantate schon lange in meinem Mund sind.
Er merkt meinen Unmut und wird etwas freundlicher. Überraschenderweise inspiziert er dann meine Mundhöhle ziemlich gründlich und sagt mir sogar, dass alles sehr gut aussieht.
Sehr gut?
Ich würde eher sagen, den Umständen entsprechend. Ich habe keine Lust und keine Kraft mehr, irgendwas zu meinen Beschwerden zu sagen. Ich weiß ja eh, dass diese chronisch sind und bleiben. Aber sein „Sehr gut“ kann er sich sonst wohin schmieren!

Dann habe ich es hinter mir und mache mit der Schwester die neuen Termine klar.

Ich nehme meinen Mut zusammen und besuche kurz die Station 17, auf der ich vor fünfeinhalb Jahren gelegen habe.
Mittlerweile gibt es kein Raucherzimmer mehr, dafür ist vor jedem Patientenzimmer ein Desinfektionsmittelspender installiert worden.
Die Bilder auf dem Flur wurden irgendwann ausgetauscht. Schade: bei meinen Gehübungen auf dem Flur hatte ich mich immer an dem Bild von Chaplin und dem Spruch „Jeder Tag ohne Lächeln ist ein verlorener Tag“ gefreut. Das finde ich nicht mehr.
Auf der Tafel des Personals sehe ich, dass beim Pflegepersonal scheinbar wenig Wechsel stattgefunden haben. Das finde ich gut. Ansonsten ist der Flur menschenleer und still.
Das Elend findet sich hinter den Türen, das weiß ich.

Ich verlasse das Krankenhaus. Stecke mir eine Zigarette an. Bin genervt, trotz zumindest vorläufig optimistischer weiterer Prognose.
Ich beschließe, den Tag am Schreibtisch bei ganz viel Musik zu verbringen und heute einfach mal auf alles zu scheißen. Außerdem habe ich nach dem Krankenhaus immer massig Bierdurst. Ich finde das nicht beängstigend, sondern all zu menschlich.
Und zu Hause warten meine Frau und unser Hund auf mich.
Das Leben ist schön!

Mein Roman braucht einen neuen Verlag, da der alte zum Ende des Jahres aufhört. Und Anfang nächsten Jahres erscheint ein neuer Gedichtband von mir.
In zwei Wochen fangen wir an, eine neue Wohnung zu renovieren und dann umzuziehen. Ich freu mich drauf! Irgendwie ein Neuanfang für alles Mögliche.

Und das KRANKmachENdeHAUS sieht mich erst im Januar wieder.


Freitag, 5. Oktober 2012

Abschied von der Edition PaperONE



Eine traurige Nachricht:

Die Edition PaperONE löst sich Ende des Jahres auf.
Damit wird die deutschsprachige Verlagsbreite wieder etwas schmaler, der Literaturbetrieb farbloser.
Die drei Leipziger literaturbegeisterten Herausgeber machen nicht mehr weiter.
Das ist verständlich, mussten sie sich doch zwischen Broterwerbjobs, eigener literarischer oder fotografischer Tätigkeit und den unzähligen Verlagstätigkeiten aufreiben – ein unmöglich zu verwirklichender Spagat, eine nicht zu bewältigende Herausforderung.
Nach jahrelanger Pioniertätigkeit ist es nun vorbei.
Olli, Michael und Hauke haben eine wichtige und gute Rolle im Verlagswesen erfüllt. Sie veröffentlichten mutige und junge Projekte, wandten sich der Leipziger Szene zu, boten dem Underground und dem Social Beat eine Plattform.
Sie werden fehlen.

Quatsch: natürlich werden nicht die drei (Lebens-)Künstler fehlen, nur ihr gemeinsames Projekt, die Edition PaperONE, die wird eine Riesenlücke hinterlassen.
Ihre Bücher werden fehlen, ihre gemütliche und schnuckelige Verlagsbuchhandlung und Leselounge wird in Leipzig fehlen.
Heya, ihr Drei – Viel Glück und Erfolg für was auch immer!!!



Noch könnt ihr wirklich tolle Bücher bei PaperONE kaufen. Guckt mal auf die Homepage (http://editionpaperone.de/).

Meine TopZwölf der PaperONE-Bücher (meinen Roman und meinen Gedichtband lasse ich da mal außen vor):

12. Hartmuth Malorny: ATM Das gekaufte Lächeln
11. Volly Tanner und Oliver Baglieri: Zerwühlte Tage Zerknitterte Nächte
10. Klaus Märkert: Hab Sonne!
09. Hannibal von Instetten: Der Birnenverächter
08. Hartmuth Malorny: Ein Sargtischler in NY
07. Sven-Andre Dreyer: Freizeichen
06. Klaus Märkert: Der Tag braucht das Licht – Ich nicht
05. Volly Tanner: Lasst mein Volk ziehen
04. Roland Adelmann: Rodneys Slam
03. Diane Hielscher: Warum Russland?
02. Klaus Märkert: Requiem für Pac-Man
01. MAULhURE

Wie gesagt, meine Top-Liste. Bezeichnend, dass es mir schwer fällt, mich auf zwölf Bücher zu beschränken!



Natürlich wird es bald auch schmutzige Wäsche geben. Das ist immer so. Ich versuche, mich da raus zu halten.
Auch wenn zum Schluss die Kommunikation nachließ bleiben die positiven Erinnerungen:
Michael antwortete sehr schnell und äußerst positiv auf meine erste Nachfrage, ob die Leipziger n Buch mit mir machen wollten. „Mein Mittelfinger dem Krebs“ entstand und bevor das Ding fertig war, war klar, dass die PaperONEis auch meinen Roman „Ausgehöhlt“ machen würden. Die Konditionen waren fair.
Mit der Veröffentlichung der MAULhURE bewiesen die drei Musketiere aus Leipzig Mut und Treue zur Underground-Literatur. Bekamen dafür aber auch wirklich klasse Literatur und das Who is Who der Dichter des Underground.



Göttin!
Ich war stolz, als ich das erste gedruckte Exemplar vom „Mittelfinger“ in der Hand hatte!
Göttin!
Als „Ausgehöhlt“ erschien tanzte ich durch meine Bude!
Nichts geht für einen Dichter über ein fertiges Buch.
Und ich bin eher faul und träge und die PaperONEis wollten mich - und die Zusammenarbeit war in Ordnung.

Es ist ja immer ein Geben-und-Nehmen: wir Autoren nahmen nicht nur den Verlag und die Veröffentlichungsmöglichkeit, wir gaben auch unsere Texte und unser Herzblut.

Olli, Michael und Hauke machten ihr Ding. Sie machten es (auch) nach dem Bock-Prinzip und das ist völlig okay, auch wenn die sensible Schreiberlingseele mehr persönliche Aufmerksamkeit verlangt.

(Hier stand bis jetzt ein kleiner kritischer Absatz. Da diese Kritik schon für böses Blut sorgte habe ich sie wieder entfernt, es soll ja um die Trauer über das Ende gehen und um das Denkmal für die PaperONE!)

Ich werde mich immer an meinen Besuch in Leipzig bei der Edition PaperONE erinnern. Michael stellte mir seine Wohnung zur Verfügung, Olli begrüßte und bewirtete mich mit seinem einfühlsamen Wesen, Hauke war wie ein Bär und Leibwächter äußerst liebevoll um meine Gesundheit bemüht. Und ich fühlte mich wohl. Und die drei waren für mich Seelenverwandte. Es war klasse!
Und die Atmosphäre in der Verlagsbuchhandlung war einfach super familiär.
Und ich glaube, mehr kann man von einem Verlag nicht erwarten!

Für die anderen Autoren der Edition ist das Ende des Verlags natürlich auch blöd.
Ich hoffe, meine Kollegen und Kolleginnen kommen klar, finden neue Verlage, können ihre Bücher weiter vermarkten.

Bei mir sieht das persönlich und momentan so aus:
Ich habe Glück, mein nächster Gedichtband ist eh bei einem anderen Verlag in Arbeit und wird dort voraussichtlich zum Jahreswechsel erscheinen.
Mein zweiter Roman wird jetzt erst Mal auf Eis gepackt / in einen Ordner auf der Festplatte gesichert und ich werde versuchen, „Ausgehöhlt“ und vielleicht auch den „Mittelfinger“ woanders neu / weiter zu vermarkten.
Bis dahin könnt iht die nur noch bei mir erwerben
Ist alles noch zu frisch, um Konkretes zu schreiben.

Mit der MAULhURE sieht es ähnlich aus: da muss ich erst mal die Mitstreiter kontaktieren und werde danach sehen, wie es weiter läuft…
Es bleibt spannend…

Kleinverlage bleiben für mich das Salz in der Suppe.
Pioniere, Revolutionäre, Wegbereiter.

So lange wie die Edition PaperONE haben wenige durchgehalten.
So viel veröffentlicht wie die Edition PaperONE hat glaub ich kaum ein Underground-Verlag in Dland.

Ich bin immer traurig, wenn ein kleiner Verlag aufhört.
Profit steht bei denen nicht im Vordergrund, die Verleger machen das hauptsächlich aus Passion.
Und auch wenn nicht alles glatt läuft, wir Autoren werden da seltener verarscht. Und die meisten von uns hätten ohne die Kleinverlage eh keine Chance.


Oliver Baglieri,
Michael Schwessinger,
Hauke von Grimm:
ICH LIEBE EUCH !!!

Und ich wünsche euch Dreien für die Zukunft alles Gute.
Ich will mich an den Fotos von Olli ergötzen, möchte mit Hauke über seine Betrachtungen des Irrsinns lachen und mit Michael in die Tiefen der Literatur eintauchen. Oder so.


Ich würde euch gerne ein Denkmal setzen, aber das ist nicht nötig: das habt ihr selber getan mit der Edition PaperONE!
Auch wenn es jetzt vorbei ist, was ihr gemacht und geschaffen habt – das bleibt!


Soviel öffentlich. Mit massig Trauer. Der Rest ist intern…




Montag, 1. Oktober 2012

Zum Hochzeitstag



Meiner Frau gefiel dieses Gedicht, dass ich ihr zum heutigen Hochzeitstag schenkte. "Veröffentliche doch mal so was Schönes!" und nicht nur immer Gedichte über Scheiße!"
...
Ihr Wunsch sei mir Befehl: 

Eine Hochzeit

Mann, war ich nervös
So nervös war ich nicht
bei meinem Abitur,
nicht bei meiner Kriegsdienstverweigerung
(und damals mussten wir noch vor einen mündlichen Untersuchungsausschuss…),
nicht bei meiner Krankenpflegeprüfung
und auch nicht vor meiner Krebs-OP
(okay, da hatten sie mich unter Drogen gesetzt…)

Meine (in-zwei-Stunden-) Frau war an diesem Morgen
die schönste Frau der Welt
auch schon bevor sie mit Schminken fertig war
und Mann, das dauerte!
Sie war wahrscheinlich mindestens so nervös
wie ich

Wir stiegen in den VW-Beagle von Anne
schwarz, frisch poliert, mit wunderschönem Hochzeitsschmuck
und fuhren zum Standesamt
Thomas, mein Trauzeuge, hatte eine heftige Grippe
er hielt sich standhaft
Ulrike, Claudias Trauzeugin,
strahlte mit ihren Kindern um die Wette
Unsere Mütter waren sichtbar stolz
und dann füllten wir mit Freunden, Verwandten und Bekannten
das Standesamt
und sprengten das Trauzimmer

Wahrscheinlich waren wir eines der älteren Paare
das der Standesbeamte trauen durfte
(na ja – Mitte 40 finde ich völlig okay…)
aber wir waren mit Sicherheit
eines der glücklichsten und schönsten
Claudia hatte ein wunderschönes schwarzes Kleid an
mein teures Jackett passte hervorragend
zu meiner Jeans und meinen neuen Turnschuhen
und dem schwarzen Schal
und unser Strahlen war unschlagbar



Unsere Hände waren feucht
und ließen sich nicht voneinander lösen
unsere Blicke trafen sich andauernd und
die Umgebung nahmen wir kaum wahr
und wir küssten uns andauernd –
schon vor der offiziellen Erlaubnis des Standesbeamten

Und dann kam der Moment
wo wir JA sagten
und ich habe seitdem und vorher
selten so klar, deutlich und laut artikuliert
Und schwebte
als meine (in-einer-Sekunde-) Frau das Gleiche sagte

Zittriger Ringtausch, Unterschriften
Sekt und Glückwünsche entgegennehmen
und dann in unsere kuschelige Wohnung
zu Kaffee und Kuchen
im erweiterten engen Kreis
und dann durfte ich endlich
in Ruhe eine Zigarette rauchen
bevor es auch schon in die Kneipe weiterging

Die Kneipe gehörte dem ehemaligen Wirt
meiner ehemaligen Stammkneipe
Der Saal war riesig
und unsere über hundert Gäste füllten ihn gemütlich
Die Dinosaurier im Putz
und die schwarze Decke und die Sterne
passten für uns wie die Faust aufs Auge
und zwei Tage vorher hatten Claudia und Freunde
den Saal wunderschön geschmückt
und mein Patenkind
den Blumenschmuck für uns gemacht
und ich hatte mit meiner ehemaligen Band
die Bühne klargemacht und Thorsten kam extra aus Berlin
und machte den DJ
und es war genug und lecker zu Essen und zu Trinken da
und die Party konnte steigen





Claudia und ich rotierten
und rasten von einer Ecke zur anderen
und von einem lieben Gast zum nächsten
Das Buffet musste ohne uns geleert werden
Zum Glück gab es kaum Spielereien
und die Polterei und selbst das Schunkeln zu PUR
(ich gestehe!) nahmen wir
voller Rührung und Wärme entgegen
und dann
enterte Beggars Banquet (meine Ex-Band) die Bühne
und meine Freunde und ich spielten vier Lieder
für die Gäste und vor allem für Claudia
Ich sang das erste Mal seit vier Jahren
und es sollte für lange Zeit zum letzten Mal sein
und die Stimmung stieg spürbar
und dann begann der Tanz

Ein Fest ganz nach unserem Geschmack
mit Spießeranteil und massig Rock’n’Roll
und genügend Punk
aber vor allem massig Herz und
lauter strahlende Menschen
genau wie wir es uns gewünscht hatten:
Ein Fest voller Liebe und
ein Fest für die Liebe

Irgendwann in der Nacht oder am frühen Morgen
war es dann vorbei
aber die anschließende Hochzeitsnacht
mussten wir vertagen
Ich glaube
wilde Hochzeitsnächte sind eine Illusion nach wilden Feiern
und
das war so was von egal!
Wir haben sie noch oft nachgeholt









Unsere Liebe begann zwei Jahre vorher

Ich hatte meinen miesen fiesen Mundhöhlenkrebs hinter mir
war gescheitert
beim Versuch der Wiedereingliederung als Krankenpfleger
und
– um die Zeit bis zum drohenden HartzIV-Bezug zu verzögern -
wollte eine einjährige Weiterbildung zum Altentherapeuten machen
Noch völlig abgekämpft und als zahnloses Monster
wurde ich mal wieder Schüler
Claudia war Krankenschwester
und konnte aus gesundheitlichen Gründen (Knie)
nicht mehr stationär arbeiten
Wir trafen uns mit zwanzig anderen gescheiterten Existenzen
in Castrop-Rauxel beim IGW

So standen wir in den Pausen auf dem Schulhof
und ich rauchte so schnell wie ich konnte
eine Kippe nach der anderen
und beobachtete meine Mitschülerinnen
wie ich es gerade am Anfang
einer neuen Gemeinschaft immer gerne mache
und Claudia kam zu mir
und mir gefiel ihr schwarzes Outfit
und die roten Chucks
und ihre offene und herzliche Art
obwohl ich auch gerne für mich alleine geblieben wäre
Und so redeten wir und ich entdeckte Gemeinsamkeiten
und wurde neugierig

Zuerst hatte sie Mitleid mit mir
außerdem musste sie immer nah an mich rankommen
weil ich so schwer zu verstehen war
Und dann weckte ich wohl auch ihre Neugier
und mir wurden die Gespräche mit ihr immer lieber
und ich versuchte bei Gemeinschafts- oder Zweiergruppen
immer mit ihr zusammen zu kommen
Ohne Hintergedanken – ehrlich!






Mit Frauen hatte ich abgeschlossen
Ich war entstellt
hatte keine Zähne mehr
wog um die 50 Kilo
pennte andauernd ein
und war körperlich überhaupt nicht belastbar

Mir blieb die Erinnerung
und ich fand das ganz okay so
auch wenn ich eine tiefe Sehnsucht nicht verleugnen konnte

Claudia hatte auch ihre Erfahrungen gemacht
und war jetzt Single
und behauptete
damit zufrieden zu sein
Ich nahm es ihr nicht ab
widersprach von Anfang an
und sagte ihr
dass sie schon den Richtigen finden würde
(Ohne dabei im Geringsten an mich zu denken
und im Verdrängen meiner Trauer war ich eh ein Meister)
Einer Freundin hatte sie versprochen
in der Weiterbildung eh nichts mit einem Mann anzufangen
Außerdem:
da sind nur drei Männer im Kurs
und der einzig interessante ist schwerkrank
und n Zyniker

Ehrlich:
Ich lud sie zum New Model Army Konzert ein
um ihr eine Freude zu bereiten
und war entsetzt
als sie absagte
weil am gleichen Tag Unheilig spielte
Ehrlich:
Ich lud sie zu meinem Geburtstag ein
weil ich sie mochte
und mir eine Freundschaft vorstellen konnte
- da war nicht mehr
Und ich schenkte ihr meinen Gedichtband
damit sie mich vielleicht etwas näher kennenlernen könnte



In der Silvesternacht lief bei ihr einiges daneben
so saß sie nachts in ihrer Wohnung
während ein Freund besoffen und komatös
auf dem Sofa pennte
und meine Gedichte begleiteten sie in das neue Jahr

Zwei Tage später trafen wir uns bei mir zum Kaffee
und redeten und redeten
und blickten uns in die Augen
und ich sagte
„Mit Frauen
das habe ich mir abgeschminkt
Ohne Zähne und entstellt wäre das unrealistisch
außerdem weiß ich gar nicht
ob ich noch könnte“

Irgendwie landeten wir kurz darauf im Bett
und ich konnte doch noch
und es war der Himmel auf Erden
und wir kamen zusammen
damals ahnte ich noch nicht
dass es FÜR IMMER sein sollte


Unser erstes Jahr war eine Achterbahnfahrt
und immer wieder beendeten wir unsere Beziehung
und kamen wieder zusammen
weil die Liebe größer war

Claudia vermutete einen Machtkampf zwischen uns
aber den hatte ich nicht nötig
und nicht im Sinn
Ich war das Alleine-leben gewohnt
und verstand einfach nicht
dass ich mir meine Schwäche und Überlebensängste
eingestehen durfte
Irgendwie so
Achterbahnfahrt – stressig –
und das Vertragen war jedes Mal wunderbar

Entweder ganz
oder gar nicht
Das war dann irgendwann absolut klar
Und wenn
dann für immer
Ich machte ihr einen Hochzeitsantrag
und wir zogen zusammen
und verbündeten uns
gegen all den Mist in diesem schwierigen Leben

Und so standen wir dann im Standesamt
und waren das glücklichste Paar auf der Welt
(ich weiß
 das behaupten viele…)


Jetzt
zwei Jahre später

Wir hatten unzählige Hochs
und einige Tiefs
Leben
eines der schönsten
und mit Sicherheit eines der schwersten
Aber
wir haben uns noch immer
und werden uns immer haben
und haben damit
gewonnen

Um uns herum gehen viele Paare den Bach runter
oder arrangieren sich mit faulen Kompromissen
bei uns ist das anders
Und man kann es
in unserem gemeinsamen Umgang wahrnehmen
Wir gehören zusammen
mag da kommen
was will
 

Und dieses WIR
sollte alles sagen…


Claudia:
dies hier ist für Dich!
(Ich kann es ja nicht lassen
 vielleicht überarbeite ich es irgendwann
 und gebe es dann der Öffentlichkeit…)
Ich liebe Dich!