Mittwoch, 15. Februar 2012

Miteinander schlafen


Miteinander schlafen

Miteinander zu schlafen
ist genauso schön
wie miteinander zu schlafen.

Jede Nacht wache ich mehrmals auf
So gegen Fünf fast immer
(vielleicht ein Tribut an mein früheres Leben als Krankenpfleger)
Ich gehe pinkeln
rauche eine Zigarette
und lege mich wieder ins Bett
neben meine Liebe.

Blöderweise habe ich mir die Unsitte der Schreiberlinge wieder angewöhnt
ich tippe die halbe Nacht durch
die Ohrstöpsel meines I-Pods in den Ohren
und eine Zigarette im Aschenbecher.
Sie liegt dann im Bett
und quengelt immer zwischendurch
dass sie ohne mich nicht schlafen könne
ich verstehe das:
Ich schlafe auch schlechter
wenn mir ihre Wärme fehlt.
Meistens lasse ich mich dann überzeugen
und lege mich neben sie.

Sie schläft
ruhig atmend und dreht sich zu mir
ich streichele sie dann vorsichtig
flüstere „Ich liebe dich“
„Es ist alles in Ordnung“
und dann schlafen wir weiter.
Glaubt mir:
das ist der Himmel auf Erden!

Sie schmiegt sich an mich oder
ich schmiege mich an sie
und wir zelebrieren den Löffel
ineinander und aneinander und
aus Zwei wird Eins
oder so.

Ich betrachte ihren Schlaf und ihren Atem
und
manchmal schütze ich sie vor einem Alptraum
aber meistens wirkt sie zufrieden
und ob sie im Schlaf spricht oder schnarcht
werde ich hier nicht verraten.

Wenn dann morgens ihr Wecker klingelt
nehmen wir uns kurz in den Arm
geben uns einen Kuss
und ich darf dann weiterschlafen
(manchmal werde ich auch nur halb oder gar nicht wach)
während sie unfairerweise zur Arbeit muss.

Im Bett ist noch ihr Geruch
(oder ich bilde ihn mir ein)
die Wärme ihres Körpers und unserer Umarmungen
begleiten mich den ganzen Tag
bis sie von der Arbeit kommt.

Miteinander zu schlafen ist genauso schön
wie miteinander zu leben und
miteinander zu schlafen und
miteinander
zu sein.

Zwei Rezitationen und eine Rezension in Zeiten der Repression

Es ist merkwürdig, meine eigenen Texte von anderen Menschen gelesen zu hören.
Natürlich wird da ganz anders betont, bekommen die Gedichte einen anderen Rhythmus und eine andere Interpretation.
Zum ersten Mal kam ich in den Genuss, Fremdinterpretationen und Rezitationen meiner Gedichte zu hören als der großartige Kersten Flenter im ersten Jahr nach meiner Krebs-OP für mich bei einer Lesung einsprang und meine Sachen vortrug.
Ich war begeistert. Und nahm meine Texte ganz anders wahr.
Jetzt hat Jörg Herbig zwei meiner Gedichte gelesen und bei YouTube hochgeladen:
Jörg ist ein Freund, Dichter-Kollege und (ja, so was gibt es!) Gruselstoryschreiber. Guckt mal bei der Fledermaus rein! (http://www.fledermaus-zine.jimdo.com)
Jörgs Rezitation meiner Gedichte sind sehr gefühlvoll. Er trifft genau den richtigen Ton und ich bin hin und weg: würde ich doch gerne selber wieder so klar artikulieren!
Wenn ich selber lese, dann ist das anstrengender. Für mich und auch für die Zuhörer.
Dafür gibt es dann aber ne Portion Hermann und n hohes Maß Authentizität bei meinen eigenen Lesungen. Und das hat ja auch was, oder?
Und ich bin immer noch so verrückt, dass es mir Spaß macht: die Nervosität, der Adrenalinkick und dann die Gespräche und die Erleichterung nach der Lesung. Geil!

Nochmal ne dicke Umarmung an Jörg Herbig, auch für die folgende Rezension meines Romans:
Hermann Borgerding
Ausgehöhlt - Im Krebsstrudel

Roman
190 Seiten
14,95 €
Edition PaperONE
ISBN 978-3-941134-71-3
www.hermann-borgerding.de

Emotional. Ehrlich. Fundiert. Fair. Ein Krankenpfleger erzählt von seiner Krebserkrankung, angefangen bei den ersten Symptomen über OP und Bestrahlung bis hin zur körperlichen Behinderung. Aber er beobachtet nicht nur sich und seine Krankheit, sondern auch die Wirkung der Medikamente, zudem gibt er konstruktive Kritik. Ein Patient hört, sieht, kapiert mehr, als ihm oft zugetraut wird. Ein wichtiges Buch für Ärzte und Pflegepersonal, dabei gleichzeitig ein rundum gelungener Roman: unterhaltsam, witzig, spannend, mit dem nötigen Charme und Tiefgang, anregend statt lähmend, auf viele Lebenslagen übertragbar. Hermann Borgerding führt den Leser mit seinem angenehmen Schreib- und Erzählstil sicher und wohlbehalten durch die dunkle Schlucht des Beinahe-Sterbens.

Wobei mir auffällt, dass ich eigentlich kaum über die Wirkung von Medikamenten geschrieben habe. Ich bekam ja nicht viel. Die Scheißegal-Pillen (Dormicum) und Schmerzmittel, zu denen ich leider immer noch ab und zu greifen muss.
Arzneien waren für mich Freundschaften und Liebe. Und das ist gut so.


Die eisige Kälte ist vorbei. Das ist okay. Aber diese fürchterliche Feuchtigkeit und der Regen setzen mir wesentlich mehr zu. Das gefällt mir überhaupt nicht!
Und wo zur Hölle bleibt in diesem Winter der Schnee im Ruhrpott? Jetzt will ich ihn auch nicht mehr, jetzt will ich Frühling. Am besten sofort.

Und bevor ich jetzt was zu Griechenland oder Wulff oder anderen Scheiß schreibe mache ich erst mal wieder Schluss und suche n Gedicht für diesen Blog raus.

Habt Euch lieb!

Sonntag, 5. Februar 2012

Arschgeigentherapie


Arschgeigentherapie

„Du Arschgeige!“,
sagte er zu mir. Seine Mundwinkel verzogen sich ganz leicht, fast unbemerkbar, nach oben. Seine Augen waren weit geöffnet und er blickte direkt in meine.
So wie bei einem Duell, wenn sich die Cowboys gegenüber stehen. Oder wie in einem Liebesfilm, wenn Mann und Frau sich tief in die Augen gucken, ihre Münder sich nähern, die Geigen einsetzen und du auf deinem Kinosessel etwas nach unten rutscht, obwohl du genau weißt, dass im nächsten Moment abgeblendet wird. Schnitt, Szenenwechsel.

Wir blickten uns tief in die Augen.
„Endlich haben Sie mich erkannt. Klasse! Wissen Sie noch? …!“
und dann versuchte ich so klar,  wie ich irgendwie konnte,  meine Erwiderung zu bringen:
„Sackgesicht!“
Er umfasste meine rechte Hand fester. Drückte zu.
Endlich drückte er feste zu und zeigte mir seine Kraft, diese Kraft, die mich vor ca. 3 Jahren so oft zum Schwitzen gebracht hatte und alle meine Kräfte mobilisierte, da er den Pflegevorgang oft als Kraftspiel und Machtkampf zwischen uns beiden betrachtete und nur in dieser Form so richtig genoss.

Seine Frau steckte sich eine Zigarette an.
„Wollen Sie auch eine, Herr Hermann?“
Scheiße. Gerade bei dieser Familie hatte ich einiges erreicht, aber dieses idiotische „Herr“ in Kombination mit meinem Vornamen kriegte ich bei ihnen wie bei vielen Menschen einfach nicht raus.
Ich nickte.
„Herr D. Ich komme gleich wieder zu Ihnen. Jetzt muss ich erstmal mit ihrer Frau flirten.“
Sie lachte. Stellte mir die Zigaretten, einen Aschenbecher und ungefragt einen Pott Kaffee hin.
Wie oft hatte ich diesen Kaffee damals verflucht. Im Räderwerk der ambulanten Pflege, der nächste Patient schon wartend, aber immer dieser obligatorische Kaffee. Und der war dann Beginn des zweiten Pflegeeinsatzes im Haushalt. Die Angehörigenbetreuung, das Zuhören, wenn nötig Ratschläge geben oder neue Maßnahmen mit der Ehefrau besprechen. Ein Einsatz, den ich nicht dokumentieren konnte, noch schlimmer: ein Einsatz, den ich nicht abrechnen konnte. Aber auch ein Einsatz, der genauso wichtig war, wie die tägliche Körperpflege des Ehemannes.
Jetzt hatte ich Zeit. Und konnte endlich den Kaffee genießen.

„Ach Hermann. Letzte Woche kam kein einziges klares Wort aus seinem Mund. Und ausgerechnet das erste zu verstehende Wort heute ist eine Beschimpfung.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Frau D. Aus dem Mund ihres Mannes ist das ein Kompliment. Und ich freue mich darüber. Wissen Sie noch, wie ich vor drei Jahren die ersten Male bei ihnen auftauchte?“

Hirninfarkt. Rechtsseitige Lähmung. Sprachstörungen.
Stell Dir nur mal vor: Plötzlich liegst du im Bett, kippst um, beim Versuch das Bett zu verlassen, wirst von allen möglichen und unmöglichen Leuten angepackt. Verstehst gar nichts mehr. Hast Angst. Bist wütend. Möchtest zur Toilette, kannst nicht. Deine Frau kommt mit einer Urinflasche, nichts geht. Du merkst nichts, liegst aber im nächsten Moment in deinen Ausscheidungen. Deine Frau kommt, schimpft mit dir. Sie ist überfordert. Du willst sie nicht überfordern. In manchen Momenten möchtest du einfach nicht mehr da sein. Du denkst, dass das die klaren Momente sind. Der Pfleger kommt. Du willst nicht gepflegt werden. Macht doch alles keinen Sinn! Du willst schlafen. Du willst, dass deine Frau sich beruhigt. Okay. Also lässt du dich halt waschen.

In dieser Situation tauchte ich zum ersten Mal bei der Familie auf. Ich wurde begrüßt mit einem
„Ey Olle! Kannst auch „Olle“ zu mir sagen! Wehe, Du kommst mit kaltem Wasser! Ich hau Dich um!“
Ich musste grinsen. Solche Menschen waren mir bei meiner Arbeit am liebsten.
„Kraul mir da unten nicht so rum! Deine Schülerin guckt zu!“
Aus dem Nebenzimmer die Ehefrau:
„Die kann gar nix sehen, die hat keine Lupe dabei!“
Und ich konnte mein Grinsen nicht zurückhalten.

Die Zeit heilt nicht alle Wunden, manchmal reißt sie auch neue auf. Und Krankheiten sind einfach nur Mist. Und können heimtückisch sein:
Herr D. erholte sich zusehends. Konnte in den Sessel mobilisiert werden. Bekam einen Rollstuhl und später einen elektrischen Rollstuhl, mit dem seine Frau und er nahezu selbstständig klarkamen. Die Pflege wurde immer einfacher und leichter, da wurde ich nicht mehr benötigt.
Später wurde ich dann selber krank.
Und Herr D. ließ sich erneut ins Hirn schlagen.
Er lag jetzt völlig platt. Konnte nicht mehr viel sprechen, nicht mehr schlucken, nicht mehr aus dem Bett raus.
SPF – PEG – leider keine Schlachtgesänge, keine Vereinskürzel sondern medizinischer Scheiß, der das Überleben sichert.

Ich tauchte nach Jahren abgemagert und kieferlos während meiner Genesung im Rahmen meiner Weiterbildung dann wieder  bei ihm auf.
Wurde von der Frau umarmt und von Herrn D. kaum wahrgenommen.

Hand halten kann Therapie sein. Hand halten, Motivationsversuche, Stimulierungen, einfach nur da sein. Für die Pflege waren nun meine ehemaligen KollegInnen zuständig.
Ich beschimpfte ihn nicht mehr: ohne seine Beschimpfungen war das zu einseitig. Unsere Duelle hatte er nun gewonnen: sprachloses Leiden ist unschlagbar.

Ich trank einen Schluck Kaffee, wischte mir den Mund ab.
„Der Logopäde kommt nicht mehr. Sagt, es wäre sinnlos bei meinem Mann. Und der Arzt will die Krankengymnastik nicht mehr verschreiben.
Was meinen Sie? Manchmal denke ich, es macht alles keinen Sinn und dann hoffe ich, dass es nur schnell gehen soll.“
„Das können wir doch nicht beurteilen! Gucken Sie in das Gesicht ihres Mannes und sie merken, dass es ihm auch noch gut geht und er sehr viel mitbekommt. Und ich bin mir sicher, bei Ihnen geht es ihm so gut wie irgend möglich!“

Ich ging wieder zu dem Pflegebett, fasste seine Schulter. Die Augen öffneten sich wieder.
„Na, Olle“,
flüsterte ich mit einem Kloß im Hals.
Ich nahm mir einen Hocker, verzichtete auf weitere Tätigkeiten, außer meiner Hand an seiner Schulter.
Seine Augen fielen in der Zwischenzeit immer wieder zu, sein Atem war unregelmäßig und leicht brodelnd. Ab und zu hustete er.
Nach zehn Minuten verabschiedete ich mich. Herr D. versuchte zu antworten, ich bildete mir ein, ein
„Komm bald wieder“
zu hören. Dann ein leichtes Husten und noch mal, laut, klar und deutlich:
„Du Arschgeige!“

Diesen Tag wurde ich mein Grinsen nicht mehr los. Ich war verwirrt: eigentlich sollte ich sein Therapeut sein.
Er hatte mal wieder die Rollen umgedreht.

Freitag, 3. Februar 2012

Lesungsnachlese, winterliche Nachtgedanken, Eminem


Es ist immer schön, mit Freunden eine Lesung zu machen. Klaus Märkert und Kersten Flenter saßen vorgestern neben mir und wir Drei haben (so glaube und hoffe ich) das Publikum gut unterhalten. Zumindest wir hatten unseren Spaß, wenn ich auch mit mir selber nicht ganz zufrieden war – das bin ich eh selten.
Die Bastion in Bochum ist ein wunderbarer Ort für Lesungen. Eine schöne Lounge mit einer guten Getränkekarte und dann das kleinste Kino, das ich kenne, in dem aber die größte Kinostimmung sein dürfte. Und wir boten dann halt Literaturkino pur.
Ein nettes und aufmerksames Publikum, Moana und Daniel als extrem gute und nette Gastgeber von der Bastion – irgendwie kann da nix schief gehen.
Und ich weiß, dass zumindest ich noch öfters diesen Veranstaltungsort aufsuchen werde, hoffentlich bald als Zuschauer bei „Die Lichtung“ und vielleicht demnächst auch mal alleine vor dem Mikro. Die Bastion erscheint mir sehr gut geeignet, endlich mal eine Solo-Lesung zu machen. Und trotz meiner Behinderungen das Publikum zu fesseln. Ich bin da zuversichtlich.
Ich glaube und spüre, dass die Zuhörer mich mögen. Das tut schweinegut.

Ansonsten ist es kalt. Schweinekalt. Die trockene Kälte setzt mir aber weniger zu, als die feuchte Wärme, die uns bis vor kurzem in diesem Winter gequält hat. Maya muss sich mit etwas weniger Auslauf zufrieden geben, kommt aber noch voll auf ihre Kosten und wir tollen halt in der Wohnung mehr rum. Und ich werde höchstwahrscheinlich am Sonntag wahrhaftig auf ein Heimspiel des VfL Bochum verzichten müssen. Bei diesen Temperaturen wäre das Selbstmord für einen alten geschwächten Mann wie mich. (Ihr bemerkt das ironische Grinsen im letzten Satz?)

Facebook nervt. Anstatt ernsthaft zu arbeiten, an der Fortsetzung meines Romans oder an neuen Gedichten, surfe ich blöd durch Facebook. Gucke mir Videos und Fotos an, kommentiere belanglos die Belanglosigkeiten meiner „Freunde“ und lasse mich ablenken.
20 „Freunde“ online – soll ich anfangen, zu chatten? Nee – besser nicht.
Halbe Nächte verbringe ich so am Schreibtisch vor meinem Compi, wirklich produktiv ist das selten und meine Frau wird langsam sauer (nicht wegen der Produktivität, sondern weil ich nicht neben ihr liege). Zu Recht.
Gegen Facebook ist dieser Blog ernsthafte Literatur!
Manchmal sollen meine Beiträge das ja auch sein, manchmal allerdings – ich gestehe – poste ich halt auch kleine Schreibübungen und Spielereien. Sorry!

Irgendwie läuft es momentan verdammt gut. Irgendwie aber auch nicht.
Ich bin in dem Alter, indem es normal ist, dass Elternteile alt und krank werden oder, wie mein Vater, von uns gegangen sind.
Das Damoklesschwert der Vergänglichkeit manifestiert sich in unseren Eltern.
Göttin! Diese Zeile werde ich in ein Gedicht einbauen!
Aber die Ungewissheit und Angst wächst. Und die Sorge. Und teilweise kehren sich dann plötzlich die Rollen um. So ähnlich.
Auch meine Freunde und Freundinnen haben ihre altersbedingten Krankheiten. Ich habe da Glück: Ich kann wenigstens sagen, ich habe postkarzinome Beschwerden. Bei ihnen ist die Krankheit oft ungemütlich eindeutig anders zu benennen: sie haben 40+ und das ist ätzend. Und manche haben sogar 50+ und das tut weh.
Manche haben es geschafft zu sterben, bevor sie alt wurden. Manche werden alt, zum Glück geschieht dies bei vielen meiner Freunde in Würde. Und manche bleiben für immer jung. Und das sind die Besten!

Irgendwie sind das Herbstgedanken im tiefsten kalten Winter. Habe ich schon geschrieben, dass ich Schnee will? Und direkt danach dann den Frühling!

Mein Winamp-Player spinnt. Erst die Toten Hosen, dann Donovan und jetzt Eminem (The Eminem Show ist wirklich ne geile Scheibe!). Oder bin ich das, der mit seinen Fingern diese merkwürdige Auswahl wählt?

After Midnight. Claudia quengelt und es wird ja auch wirklich Zeit, ins Bett zu gehen!
Für diesmal also keine langen Musikempfehlungen (doch: hört Euch mal wieder die Eminem Show an – ich bin echt total angetan, habe diese Scheibe mindestens fünf Jahre nicht mehr gehört und heute Nacht packt sie mich!), keine Politik-Kommentare, zumal ich da ja eh meistens sprachlos bin und jetzt endgültig genug Geschwafel.

Gute Nacht!


Mein Glaubensbekenntnis: It’s only Rock!


Mein Glaubensbekenntnis: It’s only Rock!

Über Musik zu schreiben ist wie zu Architektur zu tanzen. Ich weiß nicht mehr genau, von wem ich dieses Zitat habe. Ich glaube, es waren  „…but alive“, aber ich bin mir nicht sicher. Ich schreibe jetzt mal trotzdem über Musik. Vielleicht könnt Ihr ja tanzen, wenn Ihr die passende Musik dazu hört…

“Wat is Rock’n’Roll?“
 Da stellen wir uns erst mal ganz dumm und fragen uns, ob das zweite “R” klein oder groß geschrieben wird. Und wie oder ob da Apostrophe  gesetzt werden. Und beschließen, dass das nun wirklich dermaßen egal ist…
Dann machen wir ganz platt weiter. Als wir noch ganz klein waren, war das nämlich völlig einfach: Beatles-Fans waren die Lieben und Stones-Fans die Bösen.
Bei den Beatles war Paul das Synonym für Streber, John der Revolutionär. George war was für die Mädchen und Ringo der Schlagzeuger und damit Joker.
Bei den Stones war Mick schon immer eine zwiespältige Karrierefigur. Keith war die personifizierte Rebellion und damit Trumpf, Bill was für die Frauen (aber heimlich) und Brian ein Gott, Genie und Arsch in Personalunion (während Ron immer ungerechterweise der kleine Bruder von Keith blieb…). Und Charly alt und außerdem Schlagzeuger…
Ich stand auf die Stones und Keith. Und hatte damit den Rock’n’Roll auf meiner Seite und die Trümpfe. 
Ich gestehe: ich bin immer noch - und damit bis an mein Lebensende, denn jetzt will ich diese Seuche auch nicht mehr loswerden - Stones-Fan. Was soll ich tun? Ich wurde im Jahr der ersten Stones-Single geboren. Die Jungs haben massig Scheiße produziert aber sie begleiten mich ein Leben lang, bringen es immer wieder fertig, von den Totgesagten aufzustehen und treten fast all den Kids noch locker in den Arsch. Keith hat das Gitarrenspiel revolutioniert und immer noch kopiert fast jeder Gitarrist seine Riffs und seine Art der Rhythmusgitarre - oft ohne es zu merken.
Außerdem ist er einfach der geborene Pirat und im tiefsten Inneren sind wir doch alle noch Jungs geblieben, oder?

Die Beatles mit nur einen Satz abzuspeisen ist unverschämt und wird ihnen nicht gerecht. Aber es macht Spaß.

Natürlich höre ich immer noch Herman Brood  und “Still believe” ist seit über 15 Jahren eine meiner Hymnen und wenn ich noch könnte, würde ich heute lauter als je zuvor mitsingen. “Keep on trying!”
Hermanns Abgang hat mich mehr getroffen als der Tod von John Lennon. Nur Rio Reisers Ende knallte noch tiefer rein.

Ich habe Iggy Pop einmal an der Schulter berührt. Das ist aber auch das einzige Erlebnis, mit dem ich so richtig angeben kann. Und ich glaube, Iggy hat es nicht bemerkt. Aus Rache habe ich es geschafft, stärker als er abzumagern.

Neil Young, Velvet und Lou und John, Patti Smith, die Peppers, Peter Gabriel, Bob Marley, Bad Religion, Social Distortion, Depeche Mode, Midnight Oil, Green Day, Bob Dylan, Bob Mould, Eric Burdon, U2,  Eminem (Kinderkram!), immer wieder New Model Army und Justin Sullivan und für Tom Waits bin ich sogar nach Paris gefahren. Selbst Santana war früher live mal richtig gut und eigentlich kann ich mich nur über ein beschissenes Jethro Tull Konzert beschweren. Okay, Evan Dando und die Lemonheads waren auch mal völlig daneben, dafür aber ein anderes Mal einfach genial! Eine lange Liste, die ich noch erweitern könnte. Länger, als die Bands oder Helden, die ich noch unbedingt sehen will (Marianne Faithful, Leonard Cohen, Pearl Jam, Foo Fighters, Richie Havens, Placebo (aber die sehe ich im August)) und länger als die Liste der Helden, die ich definitiv verpasst habe (Janis, Jimi, Jim und Elvis starben vor meiner Zeit, Johnny Cash interessierte mich damals noch nicht, David Bowie wird wohl nicht mehr auf Tour gehen und Nirvana waren fest gebucht, als Kurt beschloss, sich die Zähne mit einer Schrotflinte zu putzen…).
Ich schreibe hier von Helden. Von Dinosauriern. Unerreichbaren Größen. Aussterbenden Spezies.
Sie alle haben mir riesige Finanzlöcher beschert, sie alle haben mir große Konzertereignisse verschafft, von denen ich noch meinen Enkeln erzählen könnte, die ich aber nie haben werde (und deshalb müsst ihr dran glauben…).
Ihre Songs begleiten mein Leben, werden mich immer begleiten.

Komisch. Irgendwie wächst da wenig nach. Vielleicht hätte Conor Oberst das Format. Pete Doherty ist ein Genie, aber irgendwie scheint das Arschloch in ihm zu siegen. Gaslight Anthem? Ich weiß nicht… Und Amy starb zu jung.

Mittlerweile ist da ganz viel Kurzlebigkeit. Und austauschbare Beliebigkeit. Und die wirklichen Perlen, die es natürlich immer noch gibt, werden nicht mehr so groß. Das hat auch Vorteile: sie werden nicht so teuer und die Konzerte finden in kleineren Rahmen statt. Frank Turner, Kings of Leon und vielleicht Wolfmother fallen mir spontan ein, aber ich bin da auch schon lange nicht mehr auf dem Laufenden. Porcupine Tree nehmen mittlerweile die Eintrittspreise der Dinosaurier und damit sind sie für mich live erst mal gestorben (kann aber auch am Veranstalter liegen…).

Eigentlich kann ich mir 80 € für ein Konzert nicht leisten, bin auch nicht bereit dazu. Ich erinnere mich: Mein erstes Großkonzert durfte ich in der Westfalenhalle Dortmund erleben. Ist immer noch meine Lieblingshalle. Das war Santana und die Karte kostete 18 DM (das war die Währung vor dem Euro, man tausche 1:1…). Und Carlos und Band spielten drei Stunden, die ganze Halle tanzte und völlig fertig und begeistert verließen wir den Tempel und waren spätestens jetzt infiziert.
Ich habe damals lange für die Karte gespart und lange überlegt: schließlich hätte ich für das Geld auch eine Schallplatte bekommen und die hätte ich öfters gehört und rein wirtschaftlich wäre der Nutzen größer gewesen. Aber dass ich jetzt immer noch von diesem Konzert schwärme zeigt, dass sich die Ausgabe mehr als gelohnt hat. Auch wenn mich Santana mittlerweile nur noch nervt und ich die Platte (besorgte ich mir später trotzdem) wie alle meine Platten längst vertickt oder verschenkt habe (eine Tragödie – davon ein anderes Mal mehr…).
  
Keith Richards in Düsseldorf. Mmein erstes Konzert, dass ich nach einer beinahe tödlichen Trennung  ganz alleine besucht habe und bei Gimmie Shelter flossen meine Tränen.
Peter Gabriel in Gelsenkirchen am Kanal: ich war noch viel zu krank für ein Konzert, aber ich feierte die Rückkehr ins Leben.
Tom Waits in Paris: mein Geschenk an den vermeintlich besiegten Krebs war meine erste Konzertkarte im dreistelligen Eurobereich. Und ich bereue keinen Cent!

Das Konzertpublikum heutzutage ist spießiger. Kein Wunder bei den Preisen!
Damals saßen wir auf dem Boden der großen Hallen, rauchten und tranken billigen Wein und waren relaxed. Heute wird schon eine Stunde vor Konzertbeginn gedrängelt und es gibt immer mindestens einen Twen mit zwei Metern Körpergröße, der sich direkt vor meine Nase platziert und ich stehe auch immer in der Durchgangsschneise oder so.
Und ich hasse diese in die Luft gestreckten Handys, sehne mich nach den Feuerzeugen und Feeling, welches definitiv nicht in Handys zu finden ist.
Egal. Trotzdem.
Ich liebe diese Dinosaurierpartys.

Ich liebe auch kleine Konzerte. Und ich liebe diese Überraschungseier, die völlig in die Hose gehen können oder absolut genial werden.
Zwei völlig unterschiedliche paar Schuhe. Beide passen mir hervorragend.

Einmal, in einer verrauchten Hafenkneipe auf  einer Nordseeinsel. (Alzheimer oder so: Ich weiß nicht mehr, welche Insel es war…)
Es war längst nach Mitternacht. Der angeschlagene alte Mann setzte sich ans Klavier, steckte sich eine Kippe an und spielte nochmal. Stunden vorher hatte er seinen Job erledigt, Klassiker geklimpert, auf Zuruf Wünsche erfüllt. Den Touristen-Entertainer gegeben. Einige Stunden und einige Biere später waren wir die letzten Gäste. Und er spielte jetzt für sich und für uns. Und er sang von seiner Einsamkeit und seinen verflossenen Lieben und von seinen Kindern, die seine Kneipenmusikerkarriere mit rümpfender Nase von weitem betrachteten. Und ich wischte mir den Rauch aus den Augen. Es musste Rauch sein, denn damals war ich cool und coole Männer kennen keine Tränen.
Ich kenne nicht seinen Namen und es gibt keine CD von ihm.
Es war vielleicht auch kein Konzert im klassischen Sinne des Wortes. Aber es war eines der Konzerthighlights meines Lebens.

Zurück zu den Dinosauriern. Natürlich werden wir verarscht. Natürlich lassen wir uns verarschen. Ich finde, das ist egal, gehört zum Geschäft. It’s only Rock’n’Roll!
Manche verarschen so gekonnt und genial, da merkst Du das kaum. Robbie Williams ist oder war zum Beispiel so einer. Und natürlich die Stones. Natürlich verarschen die uns. Egal!
Andere dagegen verarschen so platt, da ist man selber schuld, wenn man weiter hingeht. Roger Waters mit „The Wall“, der kleine Giftzwerg Axl Rose oder die X-te Wiedervereinigung von Deep Purple, die dann auch ins Guinness-Buch der Rekorde wegen dem weltweit höchsten Pro-Kopf-Bierverbrauch kommt. So was.
Es gibt noch genug Menschen, die sich für den Scheiß das Geld aus der Tasche ziehen lassen. Meist bin ich da intolerant, andererseits: wer damit glücklich ist hat es nicht besser verdient. Und soll sich den Dreck dann halt antun.

Rock und Revolte? Das war vielleicht mal. Aber eigentlich ging es auch damals um Ruhm und Kohle. Nee, ich meine das nicht zynisch, ich finde das halbwegs okay. Will mir davon den Spaß nicht verderben lassen.

Denn trotz aller Scheiße, der Rock hat seine Daseinsberechtigung und seine Kraft. Rockmusik hilft mir, meine Gefühle rauszulassen. Ich höre einen unschlagbaren Song und bin glücklich, bin traurig, bin wütend, bin enthusiastisch und bin auf alle Fälle voll dabei.
Wenn ich verliebt bin, dann habe ich Melodien im Ohr. Und die helfen sowohl bei glücklicher als auch bei unglücklicher Liebe.
Wenn ich den Beat und das Feeling in meinen Eiern spüre, dann weiß ich, dass ich am Leben bin.

„Rock is dead!“ prophezeite schon der große Jim Morrison. Zumindest da lag er falsch: Guckt mal in Garagen und Keller und feuchten Bunkerräumen bei den Proben der heutigen Kids vorbei und ihr werdet mir Recht geben: „Rock n Roll will never die!“

Soweit mein Glaubensbekenntnis. Musikschwafelei. Musik hören ist auf alle Fälle besser. Und dann: nicht nur hören, sondern erleben! Musik leben!

Vielleicht ist das ein heiliges Gebot der Rockmusik:
-          Du sollst die Musik leben!
Wahrscheinlicher ist aber, dass die heiligen Gebote der Rockmusik aus zwei Wörtern bestehen:
-          Scheiß auf Gebote!

Ich höre jetzt (endlich!) auf mit den Worten von Frank Zappa, die all das etwas kürzer beschreiben: „What’s the fuck!“